Behrmann, W.: Die Entstehung naüutischer Kartenwerke Niederdeutschlands und ihr Einfluß usw. 519
nachgewiesen werden,!) daß die älteren und ältesten Kapitel keine An-
gabe irgendwelcher Entfernung der Küstenpunkte machen, vielmehr
sich diese Angaben nur: in den neueren Zusätzen finden, ja daß sie nicht einmal
in einem einheitlichen Maß gegeben werden, vielmehr die Entfernungsmaße in
Kennungen, weke sees und Meilen der verschiedensten Größen ausgedrückt sind.
Da aber das Seebuch durch Jahrhunderte in festgeprägtem Wortlaut erhalten
blieb, da es nur durch Zusätze erweitert und selbst bei Widersprüchen das
Alte nach dem Neuen nicht korrigiert wurde, da es ferner selbst oder eine
auch ihm zugrunde liegende niederdeutsche Quelle in französischen »Routtiers«
und italienischen »Portulanos« in wortgetreuer Übertragung wiedergefunden
wird, sind wir berechtigt, das uns erhalten gebliebene Manuskript als das See-
buch xär” &850x%äv hinzustellen und die Schlüsse aus ihm in aller Allgemeinheit
zu ziehen.
Für die Kartographie ergeben sich aus diesen Betrachtungen nur negative
Resultate, die aber deswegen nicht ohne Wichtigkeit sind. Es folgert nämlich,
daß die Niederdeutschen an der Hand: des ursprünglichen Bestandes ihres See-
buches unmöglich Karten hätten entwerfen können, da weder. von der gegen-
seitigen Richtung noch Entfernung zweier Hafenpunkte die Rede ‚ist, Die
jüngeren Zusätze, die allerdings derartige Angaben aufweisen, sind aber insofern
ungeeignet zum Kartenzeichnen, als sich die Angaben längs einer Küste. hin-
ziehen. und nicht wie im Mittelmeer einzelne Becken kreuz und quer über-
streichen, als endlich das Einheitsmaß dieser Angaben so. schwankend ist — finden
sich doch in jüngeren Ausgaben des Seebuches Meilen zwischen 3 und. 12 km in
jeder beliebigen Größe —, daß ein Abstechen nach diesen Angaben die größten
Verwirrungen hätte geben müssen. .
Da also den Niederdeutschen jegliches Festlegen von Fixpunkten unbekannt
geblieben war, so dürfen wir bei ihnen eine Zeichenmethode erwarten, .die
durchaus nicht mit der heute üblichen und allein befriedigenden zu vergleichen
ist, die auch im Gegensatz steht zu den Methoden der Wissenschaftler .alter
Zeiten (ich nenne nur Ptfolemäus und Mercator) und auch den -Nautikern. der
südlichen Gewässer, Diese Methode wurde 'allein zu dem praktischen Zweck der
Seefahrer ersonnen, blieb aber den Wissenschaftlern und auch den Südländern
in ihrem Wesen verschlossen. Da. sie aber teilweise die Karten verständnislos
kopierten und mit ihnen Karten nach ihrer Zeichenmethode herstellten, so ergibt
sich die Notwendigkeit, zum Verständnis der Kopien die Originale in ihrer Ent-
stehungsweise zu würdigen und zu verstehen, . a
Die Methode der Zeichnung beruht bei den Niederdeutschen auf
der Aufnahme von Küstenansichten, Durchblättern wir die Seekarten-
bücher, so stellt sich uns eine einheitliche Kette dar, von den primitivsten An-
sichten bis zur vollendeten Karte; diese aber sind nur verständlich durch
die ersteren.
Das älteste Seebuch, das neben dem rein beschreibenden oder aufzählenden
Text Illustrationen bietet, ist kein niederdeutsches, sondern ein französisches:
Pierre Garecie dit Ferrande, le grant Routtier, Pilotage & Enerage de la Mer ete.,
von dessen vielen Ausgaben?) die erste 1483 erschien. Diese Bilder sind noch
sehr primitive Holzschnitte;®) sie stellen die Ansicht.eines Bergzuges, eines See-
zeichens, einer Kapelle usw, dar, lassen sich aber häufig in ihrer Ungefügigkeit
überhaupt nicht deuten.
Ob die Niederdeutschen bei dem internationalen Verkehr. dieses neue
Mittel kennen gelernt, oder ob sie selbständig den gleichen Gedanken‘ geschöpft
haben, muß dahingestellt bleiben; jedenfalls sehen wir die Kaerte van der Zee,
die zuerst als einfacher Neudruck »des Seebuchs« mit nur wenig Änderungen in
den neueren Kapiteln und einigen Erweiterungen erschienen ist, in den späteren
Zeiten begleitet von einer Reihe von Holzschnitten, Küstenansichten darstellend,
zuweilen nur Häuser und Seezeichen, dann aber Gebirgszüge, die Formen von
1) Le. Kap IL
% Le p. 95.
2 1. e. Abbildung 1 und 2.