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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

518 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1906. 
brauchbare Unterlage für Karten bilden, die in den mittelalterlichen Portulan- 
karten uns erhalten sind, 
Diese Karten der Einzelbecken ergaben ein relativ gutes Bild, da Fehler 
sich bei der Menge der Angaben aufhoben. Erst beim Zusammenzeichnen der 
Einzelblätter, wo die Meere nur durch schmale Straßen verbunden sind, die 
gegenseitige Lage der Becken also durch nur eine Peilung festgelegt wurde, 
mußten Verschiebungen auf Kosten der dazwischenliegenden Länderkomplexe 
eintreten. Und so erhielt das Mittelmeer als Ganzes eine etwas fremdartige 
Gestalt, besonders wenn wir die zwischen den Meeren liegenden Halbinseln 
betrachten, 
Hatte die Methode der Zeichnung zwar für kleine geschlossene Becken 
genügt, für das gesamte Mittelmeer aber schon versagt, wievielmehr mußte es 
der Fall sein, wenn sie auf Küsten ohne Gegengestade wie die atlantischen von 
Portugal und Frankreich angewandt wurde, Es mußten für diese Außenküste die 
merkwürdigsten Verzerrungen entstehen, zumal den Entfernungsangaben ein 
anderes Einheitsmaß zugrunde gelegt wurde. 
Eine Benutzung der gleichen, so naheliegenden Methode hätte also auch 
bei den niederdeutschen Schiffern wohl zu keinem erfreulichen Resultat geführt. 
Bei ihnen aber liegen die Verhältnisse wesentlich anders. 
Die Italiener hatten die Karten nur entwerfen können auf Grund des 
Materials ihrer Portulane. Ebenso muß man zur Erklärung der Karten der 
Niederländer ihre Seebücher (Caerte van der Zee genannt)‘!) heranziehen, zumal 
diese eifrig in Gebrauch waren, bevor eine Karte auf See mitgenommen wurde, 
Diese Seebücher weisen einen grundlegenden Unterschied zu den Portulanen 
auf, Während in letzteren seit den ältesten Zeiten bei einem zu segelnden Wege 
die Entfernung des Anfang- und Endpunktes nie fehlt, kannten die Nieder- 
deutschen in den ältesten Zeiten dieses Mittel nicht. In den ältesten Kapiteln 
des ältesten nautischen Denkmals Niederdeutschlands, des »Seebuchs«?) findet 
sich keine einzige Angabe dieser Art.®) Vielmehr beschränken sie sich auf An- 
gaben, die sich auf die Gezeiten beziehen, Die Gezeiten und die von ihnen ver- 
ursachten Strömungen, die für die Mittelmeerländer erst zuzeiten eines 
blühenden Handels mit den Außenküsten Europas von Interesse sein konnten, 
mußten bei den Niederdeutschen infolge ihrer atlantischen Schiffahrt in den 
Vordergrund treten. Um zu zeigen, mit wie bescheidenen Angaben sich der 
Schiffer begnügte, sei hier eine kurze Stelle angeführt; die ganzen Kapitel 
gliedern sich paragraphenweise nach den einzelnen. Küstenpunkten, deren An- 
gaben alle den zitierten gleichen, 
I.4. Iiem alle de kost van Poytouwen Ferner an der Küste von Poitou und 
unde van Bartanien bet to Fontena maket der Bretagne bis zum Pt. du Raz tritt 
lege water sud-oesten mane. Niedrigwasser ein, wenn der Mond im 
Süd-Osten steht. 
5. Item to der Fore maket lege water Ferner in der Straße »Le Four« tritt 
zudoest ton suden. Niedrigwasser beim Mond im Südost zu 
Süd ein. 
Oder die Kapitel, die über die Flut- und Ebbeströmungen handeln: 
IL. 23. Item van Grevelyngen to Ferner von Gravelines bis Dunkerque 
Duenkerken valt de wvlot nortost ton geht die Flutströmung Nordost zu Nord 
norden, unde de ebbe sudwest ton suden. und die Ebbeströmung Südwest zu Süd. 
Zwar weist das uns von diesem Seebuch erhaltene Manuskript noch eine 
Reihe anderer Kapitel auf, so werden die Häfen beschrieben, es wird die Ostsee 
oder besser die Fahrt nach Reval behandelt, es werden Angaben über Grund 
und Tiefen längs der Küste gemacht; alle die Angaben aber konnten als Zusätze 
zum ursprünglichen Werk gekennzeichnet werden. Am deutlichsten aber konnte 
7} 
} 
3) 
Vielleicht mit Lesekarten zu übersetzen; sie enthalten ursprünglich nur Text. 
K. Koppmann, Das Seebuch, Bremen 1876. 
Der nähere Nachweis ist a. a. O0. gegeben.
	        
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