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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

Behrmann, W.: Die Entstehung nautischer Kartenwerke Niederdeutschlands und ihr Einfluß usw. 517 
nach den Werken umzusehen, mit deren Hilfe unsere Vorfahren an der Nordsee, 
zu denen ich auch wohl die Niederländer rechnen darf, sich auf dem Meere 
zurechtgefunden haben. Denn abgesehen von dem Interesse, das dieser. Zweig 
heimatlicher Wissenschaft und heimatlicher Kunst beanspruchen darf, ist die 
Kenntnis dieser Literatur zum vollen Verständnis der vielen Weltkarten vor der 
exakten Gradmessung, wie sie die niederländische Literatur so fruchtbar hervor- 
brachte, unerlässig. ; 
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, zu Lebzeiten eines Mercator 
und Ortelius, beginnt die Blüteperiode der niederdeutschen Kartographie. In 
dieser Zeit weist Mercator, der Reformator der Kartographie, auf die Wichtigkeit 
guter Positionsbestimmungen für Ortschaften hin und gibt als eine Quelle für 
sie die nautische Literatur .an.!) Am Anfang des folgenden Jahrhunderts sehen 
wir Willem Jansz Blaeww neben Landkartenwerken reine Seekarten heraus- 
geben; es ist undenkbar, daß ihm nicht der Unterschied der Küstenzeichnung, 
die in den älteren Landkarten oft recht mangelhaft ausgefallen war, aufgestoßen 
wäre. Da in der Folgezeit das Interesse sich naturgemäß immer mehr dem 
Küstenverlauf der Länder zuwandte (brachten doch die Entdecker von ihren 
Fahrten oft nicht mehr als eine dürftige Küstenlinie mit), so ist nach allem eine 
Korrektur der Landkarten nach den Seekarten in gewissen Punkten nur zu 
verständlich. Brachten die Wissenschaftler, meistens Binnenländer, die Karto- 
graphie durch die Erfindung von Projektionsarten, durch exakte Positions- 
bestimmungen, durch geschickte Darstellungsweise von Objekten usw. vorwärts, 
die Küstenlinien haben stets die Nautiker, schon im Interesse ihres Berufes, am 
besten zu entschleiern gewußt. 
Die Resultate meiner Arbeit an den niederdeutschen Seebüchern und See- 
karten, zu der mich mein hochverehrter Lehrer, Herr Geheimrat Professor 
Dr. Hermann Wagner, veranlaßte, habe ich an anderer Stelle?) ausführlich ge- 
geben. Hier möge nur das Wichtigste für die Kartographie wiederholt, besonders 
aber auf den Einfluß der Seekarten auf die Kartographie späterer Zeiten aus- 
yedehnt werden... 
Einer modernen Karte liegt heutzutage stets eine Reihe trigonometrischer 
Punkte zugrunde, auf denen das Kartenbild ruht. . Selbst die Routenaufnahme 
in unbekannten Ländern wird durch eine Reihe astronomischer Fixpunkte gestützt. 
Die Einzelobjekte werden durch Peilung und Entfernungsbestimmungen, die sich 
diesen: Punkten anlehnen, eingetragen. Der Seemann stützt sich beim Zeichnen 
der Kursdreiecke auf astronomisch bestimmte Punkte, Nur dadurch also können 
wir naturgetreue Karten herstellen, daß wir Fixpunkte nach ihrer geographischen 
Länge und Breite festlegen und durch Entfernungs- und Richtungsangaben alle 
Objekte auf diese Punkte beziehen. 
Es leuchtet somit ein, daß zuzeiten, wo die. Bestimmung der geographischen 
Länge auf die größten Schwierigkeiten stieß, ‚yon einer Festlegung von Fixpunkten 
nicht die Rede sein kann. Diese konnte sich also höchstens auf die leichter aus- 
zuführende geographische Breite beziehen; im übrigen war man auf die Peilung 
und Entfernungsangabe angewiesen, Wie unzureichend diese Methode an und 
für sich ist, so konnte man doch bei kleinen geschlossenen Meeresbecken brauchbare 
Resultate erzielen. Und so sehen wir im Mittelmeer, das in verschiedene nicht 
allzu große natürliche Teile zerfällt, schon frühzeitig eine blühende nautische 
Kartographie... Die Angaben der Richtung. und Entfernung zweier Punkte waren 
den Seeleuten in den Seebüchern (Portulanen) zugänglich. Diese seit den ältesten 
Zeiten (vgl. den otadın_ocudc der Griechen?) gesammelten Angaben konnten eine 
charts. Rep. of the 6% Internat. Congress, London 1895, pn. 695—702, Die Realität der Existenz 
der kl. Mittelmeermeile auf .den ital, Seekarten des Mittelalters. Vh. d. 7. Intern. Geogr. Kongresses in 
Berlin 1899. Berlin 1901, II, S. 877—883. Der Ursprung der kl. Seemeile auf den Seekarten der 
{taliener. :Nachr, d. k. Ges. d. Wissensch. Göttingen 1900. Hist. phil. Kl. $S. 271. 
1lı In einer Legende der Europa-Karte. Duisburg 1554. N ; 
2) Über die niederdeutschen Seebücher des 15, und 16. Jahrhunderts. Mitteilungen d, Geogr. 
Gesellschaft Hamburg, 1906. Bd, XXI. 
3) Periplus, DD. 11. *
	        
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