492 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1906.
Erwähnung derselben genügt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen kommen
natürlich in 1, Linie der Praxis zugute. Die ungewöhnlich hohen und ver-
heerenden Sturmfluten am Anfang Januar 1905 an der Ostküste Britanniens
(6. und 7. I. 1905) und in der westlichen Ostsee (12. bis 14. I. 1905) haben durch
den großen Schaden, den sie angerichtet haben, in der Tagespresse sowie in
wissenschaftlichen Zeitschriften!) lebhafte Erörterung gefunden. An der englischen
Küste stieg die Fluthöhe über 1’'/, m über die berechnete.
Aufschlüsse über die Organisation des Gezeitenbeobachtungsdienstes an
den dänischen Küsten sowie über das Mittelwasser an denselben erhalten wir
durch eine Abhandlung Adam Paulsens, in französischer Sprache abgefaßt.?)
Im ersten Abschnitt wird eine an Abbildungen erläuterte Beschreibung der in
Dänemark benutzten Flutmesser gegeben, Der 2, Teil enthält Angaben über
deren Aufstellung. Die zehn Stationen, Esbjerg, Hirshals, Frederikshavn, Aarhus,
Fredericia, Slipshavn, Korsor, Hornbek, Kopenhagen und Gjedser sind recht
glücklich gewählt. Der letzte Teil behandelt die Schwankungen des Mittelwassers
an diesen Stationen in den Jahren 1893 bis 1902. Die monatliche Schwankung
— die graphische Darstellung zeigt ein Minimum im April, ein Maximum im
September — glaubt der Verfasser aus den meteorologischen Verhältnissen (Wind)
z. T. erklären zu können. Dagegen dürfte er sich im Irrtum befinden, wenn er
auch die Tatsache, daß der Meeresspiegel im Mittel bei Gjedser, Korsor und
Kopenhagen etwa 7 cm höher steht als bei Hirshals, lediglich auf Wind und
Luftdruckverhältnisse zurückführt. Hier hätten doch wohl die Dichteunterschiede
zwischen Nord- und Ostsee berücksichtigt werden müssen. Engelhardt (Unter-
suchungen über die Strömungen der Ostsee, aus dem Archiv der Deutschen See-
warte) fand allein auf Grund der Dichteverhältnisse in Nord- und Ostsee im
Sommer 1877 eine dreimal so große Niveaudifferenz, Daß jedoch auch die Wind-
verhältnisse dabei von großer Bedeutung sind, sieht man aus den differierenden
Werten von Slipshayn und Korser am Großen Belt. Von größtem Interesse
wäre die Ermittlung der harmonischen Konstanten, besonders der Beobachtungs-
reihen, aus dem Kattegatt und der Beltsee gewesen.
Mehrere Abhandlungen über die Gezeiten des Mittelmeeres sind durch die
Frage nach der Höhe des Mittelwassers an der dalmatinischen Küste, um eine
Grundlage für das Österreichische Nivellement in Dalmatien, Bosnien usw. zu
schaffen, angeregt. Es wurde deshalb vom 1. IX. 1902—1, XI. 1903 ein Flutmesser
in Ragusa aufgestellt. Die Resultate wurden 1904 von dem Leiter der geodätischen
Gruppe des Militärgeographischen Instituts, v.Sterneck, verarbeitet.?) Im 1. Teile
der Abhandlung macht der Verfasser Angaben über die Ableitung des Mittelwertes
sowie die anzubringenden Korrektionen. Der 2. Teil enthält eine elementare
Gezeitentheorie, die irgend einem Handbuch der Ozeanographie entnommen ist.
Durch Kombination der Amplitudenformeln für die obere und untere Kulmination
von Sonne und Mond werden vier Gruppen von zusammen 43 Gleichungen ge-
wonnen, aus denen die Mondtide M = 29.9 cm, die Sonnentide S = 15.9 cm ge-
funden werden, Da M:S==11:1,88, so schloß Prof. Stuhlberger, daß die Adria
ein eigenes Gezeitensystem besitze. Um einen gezeitenlosen Punkt in der südlichen
Adria pendelt die Welle nach den Küsten hin und zurück; die Wellenkämme
Jaufen in elliptischen Ringen von diesem Punkt nach den Küsten. Auf Grund
der Hafenzeit von 27 Hafenorten an der Adria und 15 an den benachbarten
Küsten ist eine Karte der Flutstundenlinien gezeichnet. In der Hauptsache hat
der Verfasser wohl das Richtige damit getroffen, Sehr hypothetisch ist das Bild in der
Straße von ÖOtranto und an der Küste von Bari bis Ancona. Ohne die Kenntnis
der Hafenzeit wenigstens eines Ortes an dieser Küste sowie von Otranto wird
1) van Bebber: Bemerkenswerte Stürme IV. »Ann, d. Hydr. usw.« 1905, II., S. 54, 55,
1 Karte. — The abnormal tides of January 7. »Nature« 1905, 12. I, 8. 258. — Der Nordsturm an
der ostdeutschen Küste vom 13, u. 14. I. 1905. »Ann. d. Hydr. usw.« 1905, III, S. 113 bis 116.
2? Adam Paulsen: Communications du service marcographique de linstitut m6t6orologique
de Danemark. Acad6mie royale des Sciences et des Lettres de Danemark 1905. No. 6. 8. 505—531.
3) v. Sterneck: Die Höhe des Mittelwassers bei Ragusa und die Ebbe und Flut im Adria-
tischen Meere. »Mitteilunryen des k. k. Militärgeorr. Instituts«, XXIII. Bd. Wien 1904.