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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

188 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1906. 
beigegeben. Seinen Zweck, dem französischen Gebildeten eine leichtfaßliche Dar- 
stellung dieses verwickelten Phänomens zu geben, wird die Abhandlung vollauf 
erfüllen, Sie wird den Franzosen am besten zeigen, welche Fortschritte die Ge- 
zeitenlehre seit Laplace durch W, Thomson gemacht hat. 
Noch dem Jahre 1904 gehört eine deutsche Abhandlung!) eines Laien an, 
über die die Wissenschaft einfach zur Tagesordnung übergegangen ist, die aber 
doch berührt werden muß, da sie wegen ihrer Gemeinverständlichkeit leicht 
{rrtümer verbreiten könnte, Der Verfasser bezeichnet nach Besprechung einer 
Reihe von Erscheinungen, wie z.B. Seiches, Seeschießen, Geisyr u. a. m. die 
Schaukelbewegungen der Erdrinde in Verbindung mit Pendelbewegungen, ver- 
ursacht durch die Erdrotation, vielleicht auch im Zusammenhang mit permanenten, 
elektrischen Strömen als Ursache der Gezeiten, Der Verfasser ist selber in den 
Fehler verfallen, den er andern vorwirft und als Motto dem 1. Teile voranstellt: 
»Derjenige Forscher ist für die Wissenschaft verloren, der die Erscheinungen 
der Natur nur mit dem Bestreben durchforscht, Bestätigungen für seine mit- 
gebrachten Theorien zu finden.« Was er bekämpft sind seine früheren eigenen 
falschen Vorstellungen, nicht die geltenden wissenschaftlichen Theorien. Es würde 
zu weit führen, wenn hier alle falschen Tatsachen, Irrtümer, Naivitäten und 
Trugschlüsse aufgezählt werden sollten. Der Hauptfehler des Verfassers besteht 
darin, daß er Erscheinungen, die er nicht genügend kannte, hat erklären wollen. 
Laienarbeit kann gerade auf diesem Gebiete leicht nachteilig sein. 
Erwähnung mag hier noch ein kürzerer Artikel”) aus der Feder eines 
Franzosen über Wind- und Gezeitenwellen finden, der, ins Englische übersetzt, auch 
in einer vielgelesenen amerikanischen populärwissenschaftlichen Zeitschrift Auf- 
nahme gefunden hat. Unter besonderer Hervorhebung der französischen Mitarbeit 
auf diesem Gebiete gibt er eine knappe Darstellung, die in der Beschreibung des 
Thomsonschen Tidepredictors gipfelt. 7 instruktive Figuren erläutern den Text, 
der nur in seiner 2. Hälfte die Gezeitenerscheinung und Theorie betrifft. 
Eine sehr wertvolle Bereicherung unserer Kenntnis der Gezeitenerscheinung 
bietet dagegen die Untersuchung japanischer Ozeanographen über die sekundäre 
Wellenbewegung der Meeresgezeiten, von deren Veröffentlichung eine deutsche 
Übersetzung in der »Physikalischen Zeitschrift« erschienen ist.) Es handelt 
sich um die Erforschung der sekundären Wellen, die bei den Mareogrammen als 
Zickzacklinien den Flutkurven aufgelagert sind und schon seit längerer Zeit an 
der englischen Küste, im Mittelmeere, an indischen, kanadischen und japanischen 
Buchten beobachtet wurden. Aus Beobachtungsreihen von 36 Orten ergab sich, 
daß sie in sehr großen oder seichten Buchten mit enger Mündung nur undeutlich 
auftreten, in trichterförmigen dagegen sehr ausgeprägt sind. Bei ruhiger See 
wurden sie jedoch auch an der offenen pazifischen Küste deutlich wahrgenommen, 
jedoch unregelmäßig, dagegen an der Küste des japanischen Meeres nur schwach, 
Die Phase der Hauptwelle ist für verschiedene Teile derselben Bucht die gleiche, 
doch wechselt diese oftmals kontinuierlich oder plötzlich. Ihre Periode ist 
T = ze, wo L die Länge der Bucht, h deren mittlere Tiefe und g== 981... 
ist. Die Erscheinung wird als eine der Resonanz entsprechende erklärt. Die 
Bucht wirkt als Resonator, der auf eine seinen Dimensionen entsprechende 
Welle anspricht. Bei langgestreckten Buchten werden auch »Obertöne« mit 
3, 5 usw. Knoten erzeugt, statt, wie gewöhnlich, mit 2. Die Zyklone sind übrigens 
von geringem Einfluß. Dagegen erzeugen die Erdbeben Wellen von gleicher 
Periode, Als Anhang folgt die Berechnung der Korrektion wegen der Mündung. 
Die Abhandlung ist ein erfreuliches Anzeichen dafür, daß Japan sich auch an 
der wissenschaftlichen Erforschung des Weltmeeres beteiligt, seitdem es in die 
Reihe der Seemächte eingetreten ist. Diese Tatsache ist um so wertvoller, als 
‘) A. Zöppritz: Gedanken über Flut und Ebbe. Dresden 1904. 
?) A, Berget: Rhytmic movements of the sea. Scientific American Supplement No. 1549, 
8. 24821-—28822. 7 Figuren. 1905. 9. IX. übersetzt aus »La Science au XX. siecle«. 
3) K. Honda, J. Joshida, T. Terada: Über die sekundäre Wellenbewegung der Meeres- 
yezeiten. Übersetzung. »Phrysikalische Zeitschrift«, 6. Jahre. No. 4, 1905.
	        
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