Wegemann, G.: Rückblick auf die Gezeitenliteratur seit Ende 1904. 487
durch Rechnung bestimmt. Er rechtfertigt diese Wahl einer weniger wissen-
schaftlichen‘ Darstellungsweise damit, daß die Karten so eher ein Bild des wirk-
lichen Zustandes bieten, besonders in bezug auf Fluthöhe, als wenn nur eine
Komponente, etwa M,, zur Darstellung gekommen wäre. Betrachtet man nun die
Weltkarte dieser Flutstundenlinien sowie die Spezialkarten, so gerät man zunächst
in Verwunderung über die Kühnheit der Linienführung, über die phantastischen,
wirbelartigen Gebilde, wo die Welle uhrzeigerartig sich um einen (stromlosen)
Punkt ohne Gezeitenbewegung dreht (amphidromische Welle oder Region be-
zeichnet); .Die vorausgeschickte, theoretische Erörterung berechtigt den Verfasser
indes zu dieser Hypothese, die durch die Beobachtungen in der südlichen Nordsee
z. B. sich zu bestätigen scheint. Es fällt deshalb auch nicht sehr ins Gewicht
bei dieser Darstellung, daß die verbesserte Hafenzeit und nicht etwa die Kon-
stanten der M,-Tide zugrunde gelegt ist. Der. Verfasser hat mit diesem Bande
des Gezeitenhandbuchs eine Grundlage für die speziellere Behandlung einzelner
Meeresteile geschaffen. In manchen Punkten wird das Kartenbild noch verändert
werden, und neues Beobachtungsmaterial wird stellenweise andere Auffassungen
notwendig machen, Der Verfasser hat aber mit der gewaltigen Rechenarbeit, die
seiner Arbeit zugrunde liegt, unsere Auffassung von der geographischen Ver-
breitung der Gezeiten ein gutes Stück vorwärts gebracht. Man darf wohl be-
haupten, daß dieser Band des Handbuchs seit Auffinden der Gesetze der harmo-
nischen Analyse den bedeutendsten Fortschritt auf dem Gebiet der Gezeitenlehre
darstellt. Von allgemeinerem Interesse ist der Abschnitt über die Gezeiten des
Nördlichen Eismeeres, wo der Verfasser unter Heranziehung aller sonstigen in
Frage kommenden Anzeichen zur Annahme einer größeren Landmasse auf der
amerikanisch-ostsibirischen Seite des Poles geführt wird,
Da es für den Nachweis der Harrisschen Auffassung von der Verbreitung
der Gezeiten notwendig ist, Beobachtungen auf hoher See anzustellen, so hat er
dieser Frage auch ein Kapitel in seinem letzten Bande gewidmet. Doch ist dies
mehr historisch informierend, Eine selbständige Abhandlung darüber ist in
der Zeitschrift »Science« (Vol. XIX ff. 1904, S, 704—707) erschienen,!) Der Ver-
fasser gibt darin eine Beschreibung der Methoden und Bestimmung der Fehler-
größen. Die Gezeitenströmung ist von der (meteorologischen) Meeresströmung
durch ihre Periodizität leicht zu trennen. Da man imstande ist, ein Schiff auf
hoher See zu verankern, so dürften wissenschaftliche Expeditionen derartige
Beobachtungen in ihr Programm mit aufnehmen, besonders an den nach Harris
Berechnung gezeitenlosen Punkten. Da eine Anzahl derselben in der Nähe von
Küsten liegt, so steht zu hoffen, daß vielleicht auf Anregung des Verfassers von
der Marine der Vereinigten Staaten von Nordamerika solche Beobachtungen ins
Werk gesetzt werden. Liegen diese Punkte zudem in Gebieten vorherrschender
Halbtagstiden, wie z. B. in der südlichen Nordsee, so dürften derartige Fest-
stellungen besonders einfach sich gestalten. Vielleicht erlebt der Verfasser schon
in den nächsten Jahren die Freude, seine Auffassung von dem Verlauf der Halb-
tagswelle auf der Erde bestätigt zu sehen.
Unter den allgemeineren Abhandlungen über Gezeiten wäre sodann eine
französische zu nennen.) Sie bildet die Fortsetzung und den Schluß einer gleich-
betitelten Abhandlung im vorjährigen Jahrbuch des Bureau des Longitudes
(»Annuaire« 1904, I. Partie: Phe&nomene general.) Wie der Titel andeutet, handelt
es sich um eine für einen größeren Leserkreis bestimmte, allgemeiner verständliche
Darstellung. Der Verfasser entwickelt durchaus keine neue Theorie, sondern gibt
in der 1. Hälfte eine Beschreibung der Laplaceschen Theorie mit besonderer
Rücksicht auf die Vorausberechnung der Gezeiten in Brest. Die 2. Hälfte. ent-
hält die Theorie der Harmonischen Analyse der Gezeiten, eine Anleitung zur
Bestimmung der Konstanten und Beschreibung des Thomsonschen Tidepredictors;
Als Anhang sind die Konstanten von 24 Orten für die 6 wichtigsten Partialtiden
_. ')_ R. A. Harris: On the feasibility of measuring tides and currents at sea. »Science« 1904,
., 704—707.
2 M. P. Hatt: Explication 6leömentaire des Mares. II. Partie. Phenomene local, — » Annuaire«
1905. Bureau des Longitudes.