186 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1906.
bisher ungelösten Probleme zu geben. Dadurch wäre auch ein Maßstab geschaffen
für die Höhe der Entwicklung der Gezeitenlehre. Nützlich wäre auch ein Ver-
zeichnis der wichtigsten Literatur gewesen, welches ebenfalls an dieser Stelle
seinen Platz hätte finden können.
Der folgende Teil II ist als 9. Anhang desselben Berichtes erschienen und
enthält eine ausführliche Anleitung, Gezeitenbeobachtungen auszuführen und sie
nach den Gesetzen der harmonischen Analyse zu verarbeiten. Da hierüber schon
mehrere ausführliche Abhandlungen vorliegen, so war hier weniger Gelegenheit
wie in Teil IH und I, Selbständiges zu schaffen und neue Gedanken zu verarbeiten.
— Der 4. Teil ist in zwei Hälften erschienen, und zwar 1901 die 1. Hälfte IVA
als 7. Anhang zum Jahresbericht von 1900, betitelt »Outlines of Tidal Theory«.
Der Verfasser versucht hierin in großen Zügen die geographische Verbreitung
des Gezeitenphänomens darzustellen und zu erklären, Vorausgeschickt werden
theoretische Betrachtungen über Wasserwellen und Schwingungen in abgegrenzten
Meeresteilen sowie die Ergebnisse von Experimenten über Wellen. Der Verfasser
hat den Hauptfehler seiner Vorgänger auf diesem Gebiete richtig erkannt, nämlich
die Gezeiten eines Ortes oder Meeresgebietes allein aus den störenden Kräften
heraus zu erklären. Er teilt die irdischen Meeresflächen in eine Anzahl von
Gebieten mit Systemen stationärer Wellen, deren freie Perioden angenähert die
der Gezeitenkräfte sind. Die tiefsinnigsten Gezeitentheorien eines Newton,
Laplace und vieler anderer sind für die Erklärung des lokalen Gezeiten-
phänomens doch unbrauchbar, weil die Voraussetzungen, auf denen sie sich auf-
bauen, für die irdischen Meeresräume nicht zutreffen, und wenn sich auch einzelne
Orte finden lassen, wo sich die Gezeiten dieser oder jener Theorie entsprechend
verhalten, so gibt es in der Regel viel mehr Orte, für die sie nicht passen. Der
Verfasser vermeidet es im übrigen, örtliche Erscheinungen zu erklären, und be-
gnügt sich mit einer Beschreibung in großen Zügen. Er gesteht zu, daß spätere,
auf zahlreichere Beobachtungen gegründete Untersuchungen zu anderen Ergeb-
nissen kommen können, und verzichtet auf eine kartographische Darstellung des
Gesamtphänomens, die auch jetzt noch erhebliche Schwierigkeiten bereiten dürfte;
trotzdem der Verfasser sich in einer sehr viel günstigeren Lage befand wie seine
Vorgänger auf diesem Gebiete vor etwa 30 Jahren noch, wo man von den Meeres-
tiefen noch nicht viel wußte, wo nur wenige, durchweg ungenaue und unbrauch-
bare Beobachtungen zur Verfügung standen. Er konnte 838 Beobachtungen
benutzen, Solange man aber nicht imstande ist, dieses verwickelte Phänomen
kartographisch darzustellen, wird man es nicht völlig begreifen lernen. Jedenfalls
ist letzterer in diesem Abschnitt nicht in den Fehler seiner Vorgänger geraten,
indem er sich mit dem Erreichbaren begnügt hat.
Anders scheint es dagegen im folgenden, zu Anfang zitierten 5. Teil des Werkes
(IV. B. erschienen als 5. Anhang zum Bericht des Jahres 1904 des U. S. Coast and
Geodetic Survey), betitelt »Cotidal Lines of the World«, dessen umfangreicher
Kartenanhang sofort erraten läßt, daß der Verfasser hier eine kartographische
Darstellung des Gezeitenphänomens versucht hat. Die Cotidal Lines, Flutstunden-
linien, für die großen ozeanischen Flächen sind, besonders bei den Theoretikern, in
Mißkredit gekommen. Whewell, der 1833 eine Weltkarte dieser Linien herausgab,
hat diese später selber wieder zurückgezogen. Flutstundenlinien zu zeichnen wäre
überhaupt nur möglich, wenn die Hafenzeit ein allgemein gültiger Begriff wäre.
Aber an vielen Küsten, wo die Eintagsfluten vorherrschen oder doch bedeutend sind
im Verhältnis zu den Halbtagsfluten, gibt es überhaupt keine Hafenzeit, und selbst
die meisten Orte mit Halbtagsfluten besitzen eine solche, streng genommen, auch
nicht, sondern nur eine mittlere Hafenzeit (verbesserte), welche als arithmetisches
Mittel aus den während eines halben Mondmonats beobachteten Zeitintervallen
zwischen Mondkulmination und Flutstunde gefunden wird. Für eine wissenschaft-
liche Ergründung des Problems hat diese Größe indes nur beschränkten Wert, wo-
gegen sie in Gebieten ausgeprägter Halbtagstiden wohl praktische Bedeutung besitzt.
Der Verfasser hat trotzdem die verbesserte Hafenzeit als Grundlage seiner Karten
gewählt, die bei Orten ohne Hafenzeit aus den harmonischen Konstanten her-
geleitet ist. Ebenso ist für diese Orte die Fluthöhe der Halbtagskomponenten