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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

Wegemann, G.: Rückblick auf die Gezeitenliteratur seit Ende 1904, 485 
Amerika aus dieses Werk ausgeht, mag verwunderlich erscheinen, wo doch die 
englischen Ozeanographen auf diesem Gebiete stets den Vortritt hatten, besonders 
wo die neuere Richtung in der Behandlung der Gezeitenbeobachtungen durch An- 
wendung der harmonischen Analyse in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts 
von England ausging. 
Ein Vierteljahrhundert später hatte sich die Spezialliteratur über die Ge- 
zeiten sowie das Beobachtungsmaterial derart angesammelt, daß es an der Zeit 
schien, eine Gesamtdarstellung des Gezeitenphänomens abzufassen. Ermöglicht 
ist‘ die Arbeit aber erst durch staatliche Beihilfe, da eime ausführliche Behandlung 
dieser schwierigen Materie die Leistungsfähigkeit eines Privatmannes übersteigt, 
1895 erschien der 1, Teil, Part III des Werkes außer der Reihe, als Anhang des 
Berichtes des Coast and Geodetic Survey der Vereinigten Staaten von Nordamerika 
für das Jahr 1894. Er enthielt die Beziehungen zwischen den harmonischen und 
nichtharmonischen Größen sowie die Anwendung auf die Reduktion der Beob- 
achtungen und die Vorherberechnung der Gezeiten. Da der hierin behandelte 
Stoff ohne Kenntnis der beiden ersten Teile verständlich ist, über die obendrein 
eine reiche Literatur vorhanden ist, so hat der Verfasser ohne Gefahr für die 
Einheitlichkeit des Ganzen diesen 3, Teil vorausgeschickt, der vermutlich schon 
fertig war, als ihm von der Tidal Division der Auftrag wurde, das Handbuch 
abzufassen. Außerdem ist das Werk durchaus nicht für Laien berechnet, die 
sich etwa über diese oder jene Frage Auskunft verschaffen wollen, sondern es ist 
mehr als Leitfaden gedacht, um sich in diesen ungewöhnlich schwierigen Stoff 
hineinzuarbeiten, und bleibt ohne Kenntnis der höheren Mathematik zum großen 
Teil unverständlich. Dem Spezialforscher leistet es aber. unschätzbare Dienste 
vor allem auch durch Nachweis der einschlägigen Literatur, durch umfangreiche 
Tabellen und Karten. Die in diesem 3. Teile behandelte Methode der Analyse 
der Gezeitenbeobachtungen durch Diskussion der unharmonischen Elemente beruht 
auf dem gleichen Prinzip wie die in den meisten nautischen Lehrbüchern oder 
Gezeitentafeln entwickelten, Sie hat vor jenen den großen Vorzug, daß sie auf 
alle Häfen der Erde anwendbar ist, wogegen jene meist nur auf einige bestimmte 
mit vorwiegenden Halbtagsfluten, Vor allem genügen für diese Methode einmonat- 
liche Beobachtungen der Extremphasen, wogegen bei den anderen meist lange 
Beobachtungsreihen nötig sind zur Berechnung der Hilfstafeln, die dann auch 
nur für den betreffenden Ort Gültigkeit besitzen. Die Resultate sind allerdings 
meist nicht so genau wie die durch die harmonische Analyse und Synthese von 
Thomson, Darwin, Ferrel und Börgen u. a. erhaltenen, doch genügen sie 
praktischen Anforderungen vollständig. Ob die Methode aber für Seefahrer 
brauchbar ist, scheint fraglich, da das Verfahren zu kompliziert ist durch die 
große Zahl der allerdings ganz elementaren Operationen sowie den Umfang der 
Hilfstafeln. Es wäre sehr dankenswert gewesen, wenn der Verfasser an dieser 
Stelle eine Zusammenstellung der wichtigsten Methoden zur Vorausberechnung 
nebst Kritik ihres Wertes für die Praxis gegeben hätte, wo die bezüglichen Ab- 
handlungen meist in einer nicht jedem zugänglichen Zeitschriftenliteratur ver- 
streut sind. Dies würde auch dem Charakter des Werkes als Handbuch ent- 
sprochen haben, Doch wird der Wert des Ganzen durch diesen Mangel in keiner 
Weise gemindert, . 
1898 erschien der 1. Teil als 8, Anhang des Jahresberichtes von 1897 
(Part I, Introduction and historical. treatment of the subject). Das 1, Kapitel ent- 
hält die Erklärung der vorkommenden Begriffe, das 2. einen theoretischen Ab- 
schnitt aus der Hydrodynamik über zweidimensionale Wasserwellen, das 3. eine 
populäre Darstellung der Ursachen der Gezeitenerscheinung, das 4. die Haupt- 
eigenschaften der Gezeiten und deren Ungleichheiten. Kapitel 5 bis 8 endlich 
bringen die historische Entwicklung des Gezeitenproblems von den ältesten Zeiten 
bis zur Gegenwart. Mit Ausnahme des 2, und 3. Kapitels ist das Dargebotene 
auch Laien verständlich, Von Deutschen, die in der neueren Zeit die Lehre von 
den Gezeiten gefördert haben, werden nur Schmick und Lentz aufgeführt. 
Neben Ferrel, Thomson und Darwin hätte wohl Börgen genannt zu werden 
verdient. Wertvoll wäre es gewesen, hier am Schluß eine Zusammenstellung der
	        
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