480 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1906.
bei Beobachtung der Gezeitenströmungen die Möglichkeit der Interferenz mit
quasi-periodischen Triftströmungen im Auge zu halten.
Drittens wurde vorausgesetzt, daß die Wassertiefe unendlich sei, Da die Ge-
schwindigkeit des Wassers in allen Tiefen größer als D vernachlässigt werden kann,
so wird die erwähnte Annahme offenbar keinen beträchtlichen Fehler verursachen,
solange die Wassertiefe nicht kleiner als die Reibungstiefe D ist. Die Reibungs-
tiefe ist aber im Verhältnis zu den ozeanischen Tiefen immer sehr klein —
wir werden sehen, daß 200 bis 300 m wahrscheinlich als ein Maximum ange-
nommen werden können —; die Annahme unendlicher Meerestiefe ist daher im
allgemeinen gestattet.
Der Fall, daß die Wassertiefe d kleiner als D ist, wurde in der englischen
Abhandlung untersucht. Es zeigte sich, daß der Einfluß des Meeresbodens sich
nicht sehr fühlbar macht — jedenfalls nicht auf die Versetzung des Oberflächen-
wassers — bis die Wassertiefe der halben Reibungstiefe gleichkommt, Von da
ab nimmt aber der Ablenkungswinkel mit der Wassertiefe schnell ab; und wenn
d gegenüber D sehr klein ist — etwa 0.1 D und kleiner —, so wird die Bewe-
gung beinahe wie ohne Erdrotation verlaufen. Für weitere Einzelheiten wird auf
die Originalabhandlung verwiesen,
Viertens wurde vorausgesetzt, daß keine durch Stauung gegen die Küste
oder in irgend einer anderen Weise verursachten Druckgradienten die Bewegung
beeinflussen. Die durch diese Beschränkung vernachlässigten Kraftkomponenten
sollen in den folgenden Abschnitten möglichst berücksichtigt werden, und wir
werden sehen, daß die Bewegungen dadurch wesentlich verändert werden.
Das in diesem Abschnitte behandelte Problem ist auf wesentlich denselben
Voraussetzungen als Zöppritz’ berühmte Windstromtheorie gegründet, ausge-
nommen, daß in dieser der Einfluß der Erdrotation nicht berücksichtigt wurde,
Die vollständige Nichtübereinstimmung zwischen den mit und ohne Erdrotation
ermittelten Resultaten zeigt zur Genüge, daß die Vernachlässigung der Erdrotation
nicht zulässig ist. Dies ist wohl auch nunmehr allgemein anerkannt worden.‘!)
Bei einer eingehenden Kritik der Zöppritzschen Windstromtheorie hier zu ver-
weilen ist wohl daher überflüssig, umsomehr, als eine solche schon in den auf
S. 424 angeführten Abhandlungen sowie besonders in zwei Abhandlungen von
Prof. Nansen‘) veübt worden ist.
III. Die Strömungen die von Windstau verursacht werden.
Die Triftströme, wie sie oben beschrieben worden sind, können ersichtlich
nur ausnahmsweise in ihrer reinen Form existieren. Denn sie werden, wenn das
zu betrachtende Meeresgebiet ganz oder teilweise von Land begrenzt ist, im
allgemeinen Wasser entweder gegen Land treiben oder vom Lande wegführen;
in beiden Fällen entsteht eine Neigung der Wasseroberfläche (»Windstau«), die
so lange wächst, bis die von derselben erregten Strömungen die vom Winde
verursachte Strommenge senkrecht zur Küste genau kompensiert. Ganz ähnlich
verhält es sich, wenn das- zu. betrachtende Meeresgebiet von anderen verschieden
bewegten Meeresteilen begrenzt ist; nur werden in diesem Falle die Bedingungen
für stationäre Bewegung komplizierter. |
Für die Theorie der Meeresströmungen und namentlich der Triftströme
ist es daher von Bedeutung, die Bewegungen zu untersuchen, die von einer kon-
stanten Neigung der Wasseroberfläche hervorgerufen werden, Wir können uns
aus den auf S. 427 gegebenen Gründen auf stationäre Bewegung beschränken.
Der Fall nichtstationärer Bewegung wurde in der oben zitierten englischen Ab-
handlung untersucht, ebenfalls mit dem Resultate, daß die Abweichungen vom
stationären Bewegungszustande vernachlässigt werden können,
Der konstante Neigungswinkel der Oberfläche sei y, das Wasser sei also
1) Siehe z. B.: Dr. Otto Krümmel Der Ozcan« zweite Auflage, S. 277.
2) F. Nansen, Oceanographr of the North Polar Basin. (The Norwegian North Polar
Expedition, Scientific Results, 1902, Bd. III, Nr. 9.)
F, Nansen, Die Ursachen der Meeresströmungen. Petermanns Geoer, Mitteilungen 1905.