438 Annalen: der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1906.
Früher, als.die Monddistanzen eine viel größere Bedeutung hatten als jetzt, würde
ein derartiges Instrument Absatz gefunden haben. Jetzt würde ein Mechaniker,
der ein solches Instrument herstellte, sehr wahrscheinlich nicht auf seine Kosten
kommen. In neuerer Zeit tritt ein entschiedenes Bestreben hervor, zur Lösung
astronomischer Aufgaben Diagramme und Zeichnung zu benutzen. Die Wahr-
nehmung dieser Tatsache hat mich veranlaßt, obige schon vor einer Reihe von
Jahren gefundene Methode zu veröffentlichen, Wenn auch ihre praktische Brauch-
barkeit angefochten werden kann, so dürfte sie doch nicht ohne theoretisches
Interesse sein.
Kimmbeobachtungen.
Von Dr. Harry Meyer.
In den letzten zwei Jahrzehnten sind seit dem Erscheinen der an Bord des
französischen Schiffes »La Galisonniere« angestellten Kimmuntersuchungen!) zwei
Wege eingeschlagen worden, um die beobachteten Kimmabstände von den Anomalien
der Kimmtiefe zu befreien, Einmal hat man Apparate konstruiert, um die Kimm-
tiefe selbst bei jeder Beobachtung zu messen; weiter hat man aus Beobachtungen
die Ursache der Veränderlichkeit abgeleitet und die gefundenen Abweichungen ein
für allemal tabuliert.?) E. Koß*®) schließt aus seinen Beobachtungen, daß die Kimm-
tiefe für die Praxis hinreichend genau durch die lineare Gleichung:
K’ = k”—204t
dargestellt wird, wo At gleich dem Unterschiede zwischen der Luft- und der Wasser-
temperatur, ausgedrückt in zehntel Graden der Celsiusteilung, ist.
Die Bestimmung der Lufttemperatur auf See ist sehr mühsam; man muß
sie, um brauchbare Werte zu erhalten, mit dem Aspirations- oder mit dem Schleuder-
thermometer vornehmen. Die obige Gleichung gilt nur, wenn die Luft gut durch-
gemischt ist, wenn also der Wind mindestens die Stärke 2 der Beaufort-Skala hat.
Bei einem schwächeren Winde wird gefordert,*) »die Lufttemperatur so nahe ober-
halb des Wassers als möglich und auch in Augeshöhe mit einem Aspirations- oder
mit einem Schleuderthermometer« zu messen, eine Forderung, die in der Praxis,
was den ersten Punkt anbetrifft, auf kaum überwindbare Schwierigkeiten stößt.
Von diesen Mängeln findet man bei dem ersten Wege, die Kimmtiefe direkt
zu messen, nichts. Die von Dr. Pulfrich und Dr. Kohlschütter konstruierten
Apparate®) gestatten, die Kimmtiefe ohne jede Mühe zu bestimmen. Für die
Praxis ist also dieser Weg der gegebenste; der Seemann wird sich an die Beob-
achtung bald gewöhnen und sie dann ebenso schnell vornehmen, wie er den Index-
fehler seines Instrumentes bestimmt. Um die Differenz zwischen dem beobachteten
und dem bei den Tafeln der Gesamtbeschickung zugrunde gelegten Werte der
Kimmtiefe ist der Kimmabstand zu vergrößern oder zu verkleinern, je nachdem
der Unterschied negativ oder positiv ist.
Die im folgenden mitgeteilten Beobachtungen sind in erster Linie zu dem
Zwecke vorgenommen worden, um sie mit den Koßschen Werten, die zur größeren
Hälfte von Land aus erhalten wurden, zu vergleichen. Die erste Reihe wurde
vom Verfasser im Jahre 1904 an Bord des Kadettenschulschiffes »Herzogin Sophie
Charlotte« auf der Reise von Leith nach Honolulu, die zweite und dritte Reihe vom
Jahre 1905 an Bord des Schulschiffes »Herzogin Cecilie« auf der Reise von Bremer-
haven—Philadelphia—Tsuruga (Japan) angestellt. Einige frühere Beobachtungen aus
Westindien (November 1903) in der Nähe von Land sind hier fortgelassen worden.
Für die erste Beobachtungsreihe stand dem Verfasser nur ein Sextant von
C. Plath zur Verfügung. Das Zeugnis der Seewarte lautete dahin, daß das In-
strument völlig fehlerfrei war; es ist bis auf 10” geteilt und gestattet, Winkel
bis 134° zu messen. Um nun den verlangten Winkel von Horizont zu Horizont
durch das Zenit messen zu können, mußte ein Gestirn eingeschaltet werden, Hierfür
kam nur die Sonne in Betracht, da Mond und Sterne sich nicht mit der erforder-
lichen Schärfe einstellen lassen. Die Grenzen der Beobachtungszeiten wurden
-) E. Perrin, Sur les depressions de l’horizon de 1a mer. — °%) Breusing, Nautische Tafeln,
1902, Tafel 20. — 3%) Koß und Graf Thun-Hohenstein, Kimmtiefenbeobachtungen zu Verudella.
— %4) »Ann. d. Hydr. usw.« 1901, S. 166. — 5) Dr. E. Kohlschütter, Bemerkungen zu dem Aufsatz
des Herrn Narvivationslehrers Reuter. »Ann. d. Hydr. usw. 1904. 5. 219ff.