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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

126 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1906. 
Geschwindigkeit (relativ zur Erde) eines Wasserpartikelchens gerichtet ist und 
mithin keine Arbeit leistet, so folgt, daß weder die Geschwindigkeiten der 
einzelnen Wasserpartikelchen noch die gesamte Bewegungsenergie des Meeres 
von der Erdrotation unmittelbar beeinflußt werden kann, insofern die übrigen 
Kräfte, die Reibung eingerechnet, gegeben sind. 
2. Anderseits folgt unmittelbar aus dem zweiten (dynamischen) Lehrsatz : Da- 
mit ein Wasserpartikelchen sich mit einer nach Richtung und Größe gleichmäßigen 
Geschwindigkeit bewege, ist eine stetig wirkende (der Ablenkungskraft gleiche 
und entgegengesetzt gerichtete) Kraft erforderlich, Das Trägheitsprinzip ist 
also hierbei nicht gültig. 
3. Wenn ein Wasserpartikelchen sich selbst überlassen und von keinen 
Kräften beeinflußt wird, so wird es sich infolge des ersten (kinematischen) 
Lehrsatzes niemals weiter von der Ausgangsstelle als der doppelte Radius r, 
d.i. als v/e sin g, entfernen. Die Geschwindigkeit v übersteigt wohl selten 0.5 m 
pro Sekunde, und jedenfalls können wir 2.5 m pro Sekunde als ein Maximum 
annehmen, Aus dem letzteren Werte und für die Breite der Floridastraße 
(p=25°) ergibt sich 2r= 81km. Nehmen wir für v den Wert 0,5 an, so 
haben wir auf derselben Breite 2 r= 16 km, und auf 2° Breite 2 r = 196 km 
— alles Weglängen, die den Bahnen der großen Meeresströmungen gegenüber als 
verschwindend zu betrachten sind. Wenn wir solche Weglängen vernachlässigen 
und für einen ganz schmalen Bereich auf beiden Seiten des Äquators eine Aus- 
nahme machen,’!) so können wir also sagen: Wenn die auf eine Wassermasse 
wirkenden Gradient- und Reibungskräfte aufhören, so hört auch die 
Bewegung des Wassers sofort auf. 
Fig. 1. 4. Schließlich‘ wollen wir annehmen, daß ein 
Wasserpartikelchen in einem gewissen Augenblicke eine 
Geschwindigkeit OA (Fig. 1) hat, und daß von diesem 
Augenblicke aus eine konstante Kraft OP auf dasselbe 
wirkt. Diese Kraft würde der Wassermasse mit einer 
gewissen Geschwindigkeit OB eine gleichmäßige Bewegung 
erteilen. Die wirkliche Geschwindigkeit OA kann als die 
Resultante der Geschwindigkeitskomponenten OB und BA 
betrachtet werden; und zwar wollen wir, um die Ver- 
änderungen der Bewegung zu untersuchen, dieselbe Ein- 
teilung benutzen, indem die Komponente OB als unver- 
änderlich, die Komponente BA als veränderlich angenommen wird. Ob und ba seien 
die den Geschwindigkeiten OB und BA entsprechenden Ablenkungskräfte. Die Drei- 
ecke Oba und OBA sind dann einander ähnlich; hieraus folgt, daß auch O a die der 
Geschwindigkeit OA entsprechende Ablenkungskraft ist. Da Ob der Kraft O P das 
Gleichgewicht hält, so ist also ba die Resultante der auf das Wasserpartikelchen 
wirkenden Kräfte. Die Geschwindigkeitskomponente BA ändert sich daher 
yenau so wie die Geschwindigkeit eines Wasserpartikelchens, das nur von der 
Ablenkungskraft beeinflusst ist. Es entspricht dies nur einer kreisförmigen 
Bewegung, und die mittlere Geschwindigkeit wird also von Anfang an der der 
neuen Kraft entsprechenden stationären Geschwindigkeit OB gleich. Die größte 
Entfernung des Wasserpartikelchens in irgend einem Augenblicke von der 
Lage, die es in demselben Augenblicke einnehmen sollte, wenn es sich während 
der ganzen Zeit mit der mittleren Geschwindigkeit OB bewegt hätte, ist, ganz 
wie unter 3, aus dem Geschwindigkeitsunterschied AB zu berechnen. 
Die oben besprochene kreisförmige Bewegung wird deswegen von noch 
viel geringerer Bedeutung, weil die bewegenden Kräfte sich immer allmählich 
ändern. Es wird nämlich daher in jedem Augenblick eine neue infinitesimale 
kreisförmige Bewegung entstehen, und alle diese Bewegungen werden sich wegen 
I} 
») Ausnahmsweise — wo sehr große Stromgeschwindigkeiten vorkommen — mag es not- 
wendig sein, diesen Bereich auf 5° bis 10° vom Aquator zu erstrecken. Insbesondere ist dies außer- 
halb der Somaliküste der Fall. (Siehe »Atlas der Stromversetzungen auf den wichtigsten Dampfer- 
wegen im Indischen Ozean und in den Ostasiatischen Gewässern«. Herausgegeben von der Deutschen 
Seewarte, 1905.)
	        
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