102 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1906.
dem Blättchenträger eines Elektroskopes isoliert aufgestellt; wird es geladen, so
ziehen die elektrischen Kräfte zwischen Zylinder und Rohrwand die ungleich-
namigen elektrischen Ionen aus der aspirierten Luft heraus und sammeln sie auf
dem Innenzylinder, woselbst sie eine ihrer eigenen Gesamtladung gleiche
Elektrizitätsmenge neutralisieren, Aus dem Blättchenrückgange kann man dann
(unter Berücksichtigung eventueller Isolationsverluste) auf die in 1 cem Luft
in Form von Ionenladungen vorhanden gewesene Elektrizitätsmenge schließen.
Da jedes Ion eine gleiche, ganz bestimmte Ladungsmenge mit sich führt, so
kann man hieraus auch die Zahl n der Ionen berechnen, welche im ccm des
Luftmeeres vorhanden war; diese sog. »Ionendichte« ist im Folgenden mitgeteilt.
Schon auf der Fahrt von Genua nach Barcelona und Palma wurden auf
dem Schiffe eine Reihe von »Ionenzählungen« vorgenommen. Es ergaben sich
auffallend kleine Werte. Während z.B. die Herren L. und A. Boltzmann vom
za
21. bis 31. August 1904 auf dem Atlantischen Ozean für die + Ionen: n = 1150
für die — Ionen: n=800, also im Mittel n == 975 Ionen pro ccm mit einem
Überschusse von 350 an + Ionen gefunden hatten, wurden in dem westlichen
Teile des Mittelmeeres auf freier See am 24. August bezw. 1. Sept. 1905 von
uns gefunden: % — 570, n = 530, also nur ein Überschuß von 40 positiven
+
Ionen im ccm; im Hafen von Barcelona ergab sich (am 27. Aug.) n = 870,
n = 680 und 190 Ionen Überschuß.
Der Überschuß der einen Ionenart über die andere ist eine in luftelek-
trischer Hinsicht besonders wichtige Größe, da sie mit dem elektrischen
Spannungszustande, dem Luftpotentiale, im innigsten Zusammenhang zu stehen
scheint.!) Des Vergleiches halber sei erwähnt, daß sich auf dem Festlande
+ u
seither Mittelwerte ergeben haben, welche für n etwa um 1180, für n um 880
liegen, also auf einen mittleren Überschuß an + Ionen von etwa 300 im ccm
hinweisen,
Nicht uninteressant ist es, diese Ionendichten mit der Zahl von Staub-
partikelchen zu vergleichen, welche etwa mit dem Aitken’schen Staubzähler in
der freien Atmosphäre nachgewiesen werden können. Eine Luft, welche nur
2000 solche Kerne im ccm enthält, kann schon als sehr rein gelten, gewöhnlich
enthält die Landluft ganz außerordentlich viel mehr Staubkerne, so daß die Zahl
der Ionen im allgemeinen derjenigen der Staubkerne weit unterlegen ist. Auch
bei ganz ruhiger See kann am Meeresstrande die Zahl der Kerne eine ganz
enorme sein. So fand G. Lüdeling”) auf der Düne von Helgoland (23. bis 26.
Juni 1903) bei ruhigem sonnigen Wetter etwa 100000 Staubkerne, aber nur 380
Ionen positiven und gar nur 180 Ionen negativen Zeichens im ccm Luft. Die
den flachen Dünenstrand austrocknende Sonne scheint hier die Veranlassung
gewesen zu sein, daß viele Salzstaubpartikelchen in die Atmosphäre übertraten.
Daß wir bei unserer Fahrt relativ kleine Ionenzahlen, vor allen Dingen
aber besonders kleine Überschüsse an + Ionen erhalten haben, kann damit zu-
sammenhängen, daß wir außerordentlich ruhige See hatten. Denn brandendes
und verspritzendes Seewasser scheint nach den Untersuchungen von Ph. Lenard’)
in die Luft positive Ladungen hinein zu bringen. Es wäre überaus zu wünschen,
daß auch auf freier See mehr derartige Ionenzählungen vorgenommen würden,
erstens weil unsere Kenntnisse über die luftelektrischen Verhältnisse über den
freien Ozeanflächen überhaupt noch äußerst mangelhafte sind, zweitens aber,
ı) Vergl. z. B. H. Ebert, Die Erscheinungen der atmosphärischen Elektrizität vom Stand-
punkte der Ionentheorie aus betrachtet. Meteorolog. Ztschft. 18, ©. 289 und 337, 1901, sowie H. Ebert,
Uber die Ursache des normalen atmosphärischen Potentialgefälles und der negativen Erdladung, ebenda
21, &. 201, 1904.
?) G. Lüdeling, Luftelektrische und Staub-Messungen auf Helgoland (1903). Ergebnisse der
Meteorolog. Beob. in Potsdam im Jahre 1901. Berlin 1904.
; 3) De Lenard. Über die Elektrizität der Wasserfälle. Annalen der Phys. und Chem. 46,
x, 584, 1892,