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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

390 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1906. 
nehmste Grundaufgabe sieht, muß für antarktische Expeditionen zur Zeit noch 
im Vordergrunde stehen und diese Aufgabe in der Hauptsache gelöst sein, wenn 
die sich anschließenden geophysikalischen Beobachtungen die richtige Deutung 
und Erklärung finden sollen. Immerhin dürften besonders die letzten Südpolar- 
Expeditionen bereits genügend vorgearbeitet haben, um auch dem Gedanken der 
Anlage fester Stationen in der Antarktis im Interesse der geophysikalischen 
Forschung eventuell schon jetzt näherzutreten. 
Ist das Interesse der Kulturwelt infolge der Lage der meisten Kulturstaaten 
unmittelbar zwar mehr mit der Erforschung, besonders der geophysikalischen, 
des nordpolaren Gebietes verbunden, so können wir auch in geophysikalischer 
Hinsicht die Erforschung der Antarktis nicht entbehren. Die Erscheinungen 
spielen sich dort unter einfacheren Bedingungen ab und geben uns einen Anhalt 
dafür, wie und nach welchen Gesetzen sie ohne Störung durch verwickelte 
Verhältnisse vor sich gehen, Der Vergleich mit den Vorgängen auf der Nord- 
hemisphäre läßt dann leichter die allgemeinen terrestrischen Erscheinungen von 
den durch örtliche Verhältnisse hervorgerufenen trennen. Dies würde einen 
großen Fortschritt in unserem Wissen bedeuten. 
Überhaupt liegt die Lösung gewisser geophysikalischer Fragen, insbesondere 
der Meteorologie, der Ozeanographie, der Lehre vom Erdmagnetismus und gewiß 
auch der erst seit kürzerer Zeit in Entwicklung begriffenen Lehre von der 
atmosphärischen Elektrizität in der Erforschung der diesbezüglichen Verhältnisse 
der polaren Gebiete. Die polaren Gebiete bilden die Grenzgebiete, durch die erst 
der ganze Vorgang definiert wird. So klein der polare Teil auch zu der ganzen 
Erdoberfläche erscheint, so können wir also die geophysikalischen Vorgänge ohne 
Kenntnis der Erscheinungen in der Umgebung der Pole doch nicht verstehen 
und sicher beurteilen; unsere Erkenntnis bleibt in dieser Richtung hypothetisch 
und entbehrt der realen Grundlage, 
Von der richtigen Erkenntnis der Erscheinungen hängt aber auch die 
Verwertbarkeit unseres Wissens für praktische Zwecke ab. Hier sind es in 
erster Linie die Meteorologie und Ozeanographie, von deren durch die Polar- 
forschung bedingten Entwicklung ein unmittelbarer praktischer Nutzen zu er- 
warten ist. Wie bald ein solcher Nutzen erzielt werden wird, läßt sich freilich 
nicht voraussehen; nur selten macht die Entwicklung der Wissenschaften Sprünge, 
sondern in der Regel erfordert sie lange angestrengte und aufopferungsfreudige 
Arbeit, ‚Ist hier ein in Aussicht stehender praktischer Nutzen der Polarforschung 
besonders hervorgehoben, so dürfen die anderen dabei in Betracht kommenden 
Forschungszweige, bei denen ein solcher nicht so unmittelbar vorauszusehen ist, 
deshalb nicht geringer eingeschätzt werden. Es ist ein hoch zu haltendes, edles 
Bestreben der Menschheit, das ihr Erreichbare zu ergründen und ihren Gesichts- 
kreis zu erweitern. 
Jedenfalls steht die Polarforschung und mit ihr wichtige Zweige der Natur- 
wissenschaften vor der Entscheidung, ob sie eine bedeutsame Förderung ihrer 
Entwicklung finden werden, oder ob diese Entwicklung zur Zeit aufzugeben und 
späteren Generationen zu überlassen ist, denen zudem nicht die persönliche Er- 
fahrung in dieser Forschung bereits betätigter Männer zur Seite stehen würde. 
E. Herrmann.
	        
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