Herrmann, E.: Die geplante dauernde Organisation der Polarforschung usw. 389
die wissenschaftlichen Beobachtungen, über die Ausrüstung und über die
Konstruktion der Schiffe.
Es konnte hier nur kurz über den Inhalt der beiden Schriften berichtet!)
und insbesondere die daselbst geäußerten Ansichten über die von der Polar-
forschung ferner einzuschlagenden Wege mitgeteilt werden. Allen sich für diese
Fragen Interessierenden sei die Einsicht in die Schriften dringend empfohlen,
Es sei dem Referenten gestattet, ganz im allgemeinen zu den hier bereits
angeregten Fragen Stellung zu nehmen.
Die Aufgaben der Polarforschung verfolgen zwei Richtungen, eine geo-
graphische und eine geophysikalische, die auf verschiedene Forschungsarten
hinweisen. Während die geographische Forschung naturgemäß auf möglichst
ausgedehnte Expeditionen hindrängt, legt die heutige Geophysik großen Wert
auf die Kenntnis der Veränderungen bei den Erscheinungen, also auf längere
Beobachtungsreihen an festen Stationen, die über einen größeren Raum verteilt
sind. Die geographische Erforschung, welche eine Erkundung der allgemeinen
geophysikalischen Verhältnisse einschließt, muß natürlich vorangehen, ehe in das
speziellere Studium der geophysikalischen Erscheinungen eingetreten werden
kann. Zudem bildet die geographische Erkenntnis für die Geophysik eine un-
entbehrliche Grundlage bei der Deutung der von ihr verfolgten Vorgänge. - Ist
die geographische Erkenntnis eines Teiles der Erdoberfläche aber bis zu einem
gewissen Grade gelangt, dann wird .die Geophysik die Aufnahme ihrer speziellen
Fragen für dieses Gebiet mit Nachdruck zu fordern haben. Die Ergebnisse
fester Beobachtungsstationen innerhalb des polaren Forschungsgebietes werden
aber auch für. die weiter vordringenden geographischen Expeditionen wichtige
Fingerzeige geben, ganz abgesehen davon, daß sie unter Umständen Ausgangspunkte
und Zufluchtsstätten für diese bilden können. Der allgemeine Wunsch für eine
systematische Polarforschung muß sich danach auf Expeditionen und zweckmäßig
gewählte feste. Stationen richten. .
Betrachtet man zunächst die heutige Sachlage im arktischen Gebiet, so
dürfte hier die Erforschung der polaren Gebiete in geophysikalischer Hinsicht
mehr als die Erweiterung der geographischen Erkenntnis im Vordergrunde des
Interesses stehen. Bänard verfolgt in seinem Projekt diesen Gedanken, wobei
er allerdings in die Besprechung fester polarer Stationen ‘nicht eintritt. Doch
würde gerade hier durch solche eine wesentliche Förderung der geophysikalischen
Erkenntnis zu erwarten sein. Das mehr oder weniger dichte Netz der Beob-
achtungen auf dem Lande und die zahlreichen Beobachtungen auf den befahrenen
Meeren der Nordhemisphäre würden durch polare Stationen erst die Ergänzung
finden, welche zu einer richtigen und sicheren Auffassung der geophysikalischen
Erscheinungen auf diesem Gebiete notwendig ist; ein Gedanke, der, wie oben
bereits bemerkt, bereits in den Jahren 1882/83, leider nur vorübergehend, zur
Ausführung gebracht worden ist.
Eine weitere Erkenntnis, insbesondere der meteorologischen und ozeano-
graphischen Verhältnisse des Nordpolargebietes, ihrer Veränderung und Wechsel-
wirkung verspricht aber großen praktischen Nutzen für das wirtschaftliche Leben
der gesamten Nordhemisphäre. Daher sind sämtliche Kulturländer dieses Teiles
der Erde im höchsten Grade daran interessiert, und es kann Arectowski nicht
ohne weiteres zugestimmt werden, wenn er vorschlägt, die arktische Forschung
den Amerikanern zu: überlassen. Das allgemeine Interesse gebietet, auch die
arktische Forschung in die internationale Vereinbarung einzuschließen.
In bezug auf das Vorgehen im antarktischen Gebiete werden sich wohl alle
Beteiligten im großen und ganzen den allgemeinen Vorschlägen von Arctowski
anschließen. Die geographische Tätigkeit, die in der Festlegung der Verteilung
von Wasser und Land in vertikaler, wie in horizontaler Ausdehnung ihre vor-
ı) Ein kleiner tatsächlicher Irrtum in B&nards Schrift mag hier berichtigt werden. Das
Schiff »Germania« der deutschen Polarexpedition 1869/70 unter Kapt. C. Koldewey ist nicht zu-
grunde gegangen, sondern hat an der ostgrönländischen Küste. überwintert und ist glücklich zurück-
gekehrt. Das Begleitschiff »Hansa« wurde aber vom Eise zerdrückt, doch gelang es Kapt. F. Hege-
mann, im folgenden Jahre die gesamte Besatzung wohlbehalten der Heimat wieder zuzuführen.