Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1906.
Oberflächenströmungen im Kattegat, Sund und in der westlichen Ostsee.
Bearbeitet durch die Deutsche Seewarte nach Beobachtungen von dänischen und deutschen Feuerschiffen,
(Hierzu Tafeln 27, 28.)
Die Strömungen bei den Feuerschiffen Stollergrund und Gabelsflach.
Hierzu Tabelle V sowie die synopt. Stromkarten 19 bis 24, Tafel 27.
1. Allgemeines,
Auf dem Feuerschiffe Stollergrund sind vom 2. Oktober 1903 bis zum
5. Juni 1905, dem Tage, an dem das Feuerschiff nach Gabelsflach verlegt worden
ist, regelmäßige Strombeobachtungen angestellt worden, Die Geschwindigkeit der
Strömung hat man mit dem Arwidsonschen Stromgeschwindigkeitsmesser und die
Richtung der Strömung durch über Bord geworfene Holzstücke, austreibende
Angelschnuren oder dgl. festgestellt, Ob man den Stromgeschwindigkeitsmesser
stets in dieselbe Tiefe und in welche man ihn hinabgelassen hat, ist in den
meteorologischen Tagebüchern, denen die Daten entnommen sind, nicht angegeben.
Ablesungen des Stromgeschwindigkeitsmessers sind alle 4 Stunden gemacht, aber
leider nicht notiert worden; man hat sich statt dessen die Mühe gemacht, sämt-
liche 6 Ablesungen von einem Tage, wohl mit den dazugehörigen Schätzungen
der mittleren Stromrichtungen in 4 Stunden, zu koppeln und diese Resultate als
Gesamtstrom der letzten 24 Stunden anzugeben. Wenn man diese Art der
Stromangaben auch für freie Gewässer gelten lassen muß, weil dort die Schiffe
im allgemeinen nur von Mittag zu Mittag den Strom ermitteln können, und wenn
man für den freien Ozean solche Angaben auch gelten lassen kann, so leuchtet
doch ein, daß sie für enge Gewässer, in denen die Schiffe ihren Weg über den
Grund beständig kontrollieren müssen, wenig Wert haben, weil man hier nicht
annehmen darf, daß der Strom 24 Stunden lang mit annähernd gleicher Stärke
nach ungefähr derselben Richtung setzt. Im Gegenteil, die Beobachtungen
anderer Feuerschiffe zeigen, daß sich die Strömungen in den Gewässern der
westlichen Ostsee oft ändern. Das wird beim Stollergrund ebenso sein, und man
wird die im allgemeinen sehr niedrigen Stromgeschwindigkeiten, die in den Tage-
büchern des Feuerschiffes Stollergrund gegeben sind, darauf zurückführen
müssen, daß sich die einzelnen Strömungen beim Koppeln aufgehoben haben.
Durch das Koppeln der einzelnen Strömungen bekommt man allerdings ein Ge-
samtbild der Wasserbewegung, aber natürlich keinen Aufschluß über die Richtung
oder die Stärke verschiedenartiger Strömungen, aus denen sich der Gesamtstrom
zusammensetzt und die auf ein Schiff einwirken.
Ganz besonders im Auge behalten muß der Seemann auch, daß die An-
gaben über die Geschwindigkeit des Stromes in 24 Stunden irreführen können,
So ist, um ein Beispiel anzuführen, am 16. Mai 1904 vom Feuerschiffe Stoller-
grund notiert: Gesamtstrom in 24 Stunden = OSO 7.3 km. Gijedser Riff hat
dagegen notiert: 15. Mai 44 N= 0.0; 8 N=0.0; Mn. =0 1.0 Kn.; 16. Mai 42 V= 0
1.3 Kn.; 8 V.= 0 2.0 Kn.; 12 Mittags = O 3.0 Kn., und man sieht sofort, daß es
ganz unzulässig sein würde, aus den 7.3 km Gesamtstrom bei Stollergrund zu
schließen, daß dort 24 Stunden lang immer Ostsüdoststrom von 0.2 Kn. Ge-
schwindigkeit gewesen ist. Mit solchen Durchschnittszahlen käme man
zu Stromversetzungswahrscheinlichkeiten, die weit hinter den Ver-
setzungen, die die Schiffe tatsächlich haben, zurückbleiben. Es ist
deshalb, eben um den Seemann nicht irrezuleiten, im nachstehenden auch keine
Umrechnung der Kilometerwerte in Seemeilen oder stündliche Geschwindigkeit
vorgenommen, es mag aber hier gleich angegeben werden, daß 1 Kn. Fahrt
= 24 Sm in Etmal = 44.4 km ergibt.
In den nachfolgenden Betrachtungen sind die Aufzeichnungen von
Gabelsflach vom 5. Juni bis 1. Oktober 1905 mit denen von Stollergrund ver-
einigt. Das möchte, wenn man Einzelbeobachtungen hätte, nicht ohne weiteres