340
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1906.
Als Schutz und Unterlage für den Pendelapparat dient ein eiserner Kessel,
dessen Inneres leicht zugänglich ist, und der vor dem Herablassen wasserdicht
verschlossen wird. Er ist an einem Gestell mit drei Beinen kardanisch auf-
gehängt, so daß er stets dieselbe Lage zur Lotlinie einnimmt. Das Ganze wird
mittels eines hinreichend starken, an dem Gestell befestigten Kabels und einer Heiß-
trommel von einem Schiffe aus auf den Meeresboden herabgefiert, wo es durch die
drei Beine des Gestells eine feste Aufstellung findet. Damit der Kessel infolge der
Tiefseeströmungen nicht in eine schiefe Lage kommt, kann er von einem an den
drei Beinen befestigten, oben und unten offenen Blechmantel umgeben werden,
Zur Erkennung und Feststellung einer etwaigen Neigung des Kessels könnte ein
Apparat im Innern angebracht werden, ähnlich dem Nansenschen Tiefsee-
Strömungsmesser,
Die Wandungen des Kessels müssen so stark gemacht werden, daß sie dem
größten zu erwartenden Druck (etwa 1000 Atmosphären) standhalten, was sich
bei einer kugelförmigen Gestalt des Gefäßes wohl leicht ermöglichen lassen wird,
da ein lichter Durchmesser der Kugel. von !/, bis ?/, m genügt. Neben dem Heiß-
kabel und in geeigneten Abständen an ihm befestigt, führt ein isolierter Leitungs-
draht vom Schiff aus in das Innere des Pendelkessels, zum Austausch elektrischer
Signale, deren Rückleitung durch das Wasser und das Kabel bewirkt wird.
In dem Kessel sind zwei einander gegenüberliegende Konsolen auf einer
Säule oder an einem Querbalken angebracht, die die Achatlager tragen, auf
denen zwei Sternecksche Halbsekundenpendel schwingen. Während des Herab-
fierens sind die Pendel arretiert, um die Schneiden vor Beschädigungen. zu
schützen. Die Arretierung wird durch ein Uhrwerk langsam gelöst, das durch
einen vom Schiff aus herabgesandten elektrischen Stromstoß in Gang gesetzt
wird, nachdem der Apparat auf dem Meeresboden angekommen ist, Dasselbe
Uhrwerk erteilt auch dem einen Pendel den notwendigen Anstoß durch Umlegen
der bekannten Nase und schaltet eine Glühlampe ein, die durch eine unter dem
Kessel angebrachte Akkumulatorenbatterie gespeist wird.
Gegenüber der Lampe ist eine empfindliche Selenzelle angebracht, die in
den nach dem Schiff heraufführenden Stromkreis eingeschaltet ist. Zwischen
Lampe und Selenzelle schwingt ein mit dem Sterneckschen Pendel fest ver-
bundener Schirm mit einem kleinen Ausschnitt hin und her, so daß bei jedem
Durchgang des Pendels durch die Ruhelage ein Lichtblitz auf die Selenzelle fällt.
Die dadurch hervorgerufene Widerstandsänderung im Stromkreis wird dazu
benutzt, an Bord des Schiffes mittels eines geeigneten Apparates, etwa wie bei
den Beobachtungen von Wulf und Lucas,') ein Signal zu geben, das also jedes-
mal in dem Augenblick erfolgt, in dem das Pendel durch die Ruhelage geht.
Nach den Versuchen von Ruhmer geht die Widerstandsänderung der
Selenzelle so schnell von statten, daß sie auf die einzelnen, durch die Schwingungen
der menschlichen Stimme hervorgerufenen Intensitätsänderungen des Lichtes an-
spricht und daher zum Telephonieren mittels Lichtstrahles gebraucht werden
kann. Daher wird auch die Signalisierung der Pendelschwingungen nach dem
Schiff mit einer so großen Genauigkeit erfolgen, daß die Fehler weit unter 0.015°*
bleiben. Zur Ableitung der Schwingungsdauer selbst werden, wie bei den Land-
beobachtungen, die Koinzidenzen dieser Signale mit den Schlägen eines guten
Schiffschronometers beobachtet. Wenn man den täglichen Gang dieses Chrono-
meters bis auf 0.1°°% oder 0,2°% genau kennt, und das Pendel mehrere Stunden
lang schwingen läßt, was durch Verdünnung der Luft im Kessel leicht zu
erreichen ist, so wird die erzielte Genauigkeit der bei Feldbeobachtungen üblichen
nicht allzu sehr nachstehen.
Die Bestimmung des Chronometerganges in der eben angeführten Genauigkeit
ist jetzt mit Hilfe der Wellentelegraphie auch an Bord eines Schiffes möglich.
Freilich wird das Anwendungsbereich der Methode dadurch so lange beschränkt
bleiben, bis an den Küsten aller Ozeane solche Riesenstationen, wie in Poldhu
. 1) Zwei Beobachtungen mittels Selenzellen bei der totalen Sonnenfinsternis am 30. August 1905.
‚Phys. Zeitschrift« 6. S. 838—847. 1905.