292 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1906,
einige Bewohner beim Erwachen ins Wasser traten. Viel Holz ist von den hiesigen Werften fort-
geschwemmt, einige Schweine und viele Hühner sind ertrunken, sowie 50 Bienenkörbe vernichtet.
Kiel, 13. März. Der schwere, orkanartige Südweststurm hat hier und in der Provinz beträcht-
lichen Schaden angerichtet. Der ungemein nicdrige Wasserstand im hiesigen Hafen brachte mehrere
der hier im Winterquartier liegenden Seyler, besonders aber den Dampfer »Hermann« und den Dampfer
‚Wilhelm« in Gefahr des Kenterns. Die genannten Schiffe sowie die Dampfer »August«, »Adele« und
Iris liegen völlig auf Grund und neigen derartig zur Seite, daß teilweise Taljen von den Masten nach
Jem Lande gezogen werden mußten, um ein Umkippen zu verhindern. In Friedrichstadt haben die
Fähren den Betrieb eingestellt. Die Fluten der Eider drohen die Deiche zu überfluten, und man hat
alle Maßnahinen getroffen, um bei der bei Anhalten des Sturmes zu erwartenden hohen Sturmflut
Menschenverlusten vorzubeugen. In Kiel und Gaarden sind mehrfach Menschen ernstlich zu Schaden
gekommen,
Von der Eider, 13. März. Ein furchtbarer Weststurm herrschte in der letzten Nacht und
während des heutigen Tages im Eidergebiet. Im Laufe des Vormittags stieg das Wasser rapide und
hatte bereits eine Stunde vor Flutzeit eine Höhe von 2,62 m über normale Flut erreicht, Jeglicher
Schiffahrts- und Fährverkehr stockte, alle Vorländereien standen unter Wasser, und die hochgehenden
Wogen gingen über den Deich weg. Der Sturm hat an Gebäuden viel Schaden angerichtet, zahllose
Fensterscheiben wurden eingedrückt und Ziegel abgeworfen. Da der Sturm anhält und für diese Nacht
wieder Hochwasser erwartet wird, sind die Deichdurchlässe mit Bohlen und Erde gedichtet, Infolge
(des Sturmes stürzte in Husum der Wetterhahn vom Wasserturm herab, und in Tönning fiel ein Mann
der Besatzung der für Australien ladenden Bark Professor Koch: in den Laderaum und erlitt
schwere Verletzungen,
Helgoland, 13. März. Die Sturmflut hat die Mole und die Landungsbrücken vollständig unter
Wasser gesetzt, Sämtliche Schiffer mußten ihre Boote weit in die Straßen hinein ziehen. Sehr gelitten
hat die Düne, besonders an der Nordseite sind die Hügelketten schwer beschädigt. An der Südseite
sind die Wartehalle und die Arbeiterbaracke fortgerissen worden.
Lehe, 13. März. Über die Sturmflut in den Unterweser-Orten gehen dem :Bösmannschen Tele-
graphenbureau: folgende Telegramme zu: Die Katastrophe ist dadurch entstanden, daß die Geeste über den
Deich getreten ist und die Kistnersche Hartsteinfabrik, die auf diesem Deiche errichtet ist, sich wahr-
scheinlich gesenkt hat. Das Wasser ist um 2 Uhr nachmittags über die Ufer getreten und hat mit
reißender Gewalt die Hafenstraße und vier angrenzende Straßen überschwemmt. Sämtliche Keller und
viele Geschäftslokale stehen voll Wasser, In den Wohnungen wurden unbeschreibliche Verwüstungen
angerichtet. Der Schaden wird schon jetzt auf mehrere hunderttausend Mark geschätzt. Die Aufregung
in der Stadt ist außerordentlich groß. Auch in Wulfsdorf bei Geestemünde wurde außerordentlich
großer Schaden angerichtet. Viele Schweine und Ziegen sind in den Fluten umgekommen. Die Kühe
standen bis zum Kopfe im Wasser, Viele Personen sind ip ihren Betten von den Wellen umspült
worden. Zahlreiche Häuser wurden von ihren Verbindungen mit der Straße abgeschnitten. Das Land
bildet einen großen See, vom Fischereihafen in Geestemünde bis weit ins Land hinein. Der Schaden
in Geestemünde und Bremerhaven ist — den ersten Meldungen widersprechend — nur gering.
Nordenham, 13. März, Die Werft in Einswarden hat durch die Sturmflut großen Schaden
genommen. Die Werftgebäude sind größtenteils weggerissen.
Nordenham, 13. März. Die Anlagen der Midgard Schiffahrtsgesellschaft blieben bei der Sturm-
Aut unbeschädigt, bis auf zwei niedrig gelegene Holzschuppen. Die beispiellose Hochflut der letzen
Nacht durchbrach den Deich im Fischereihafen. Der Schaden an den Anlagen der )Nordsce--Fischerei-
gesellschaft besteht in größerer Beschädigung des Verwaltungsgebäudes mit geringerer Beschädigung
cines Eishauses, verursacht durch Unterspülung der Fundamente.
Brüssel, 13. März. Durch eine Sturmflut wurde an der belgischen Küste gestern großer
Schaden angerichtet, In Antwerpen sind die Kais überschwemmt, wodurch an den in den dortigen
Schuppen lagernden Waren erheblicher Schaden verursacht worden ist. Abends trat das Wasser langsam
zurück. In Melsen durchbrach das Wasser der Schelde die Deiche und überschwermte die Niederung
auf einer Strecke von dreiviertel Meilen. Mehrere Häuser sind bis ans Dach unter Wasser gesetzt.
Drei Frauen ertranken. Zehn Personen, darunter eine Familie mit vier Kindern, werden vermißt.
Wahrscheinlich sind alle unıgekommen. In Ostende drang das Wasser über die Deiche,. Ein in den
Hafen einlaufendes Fischerboot ist mit der aus sechs Mann bestehenden Besatzung untergegangen.
Kiel, 14. März. Fortgesetzt laufen hier Meldungen ein über große Verheerungen, die der
orkanartige Sturm der letzten Tage angerichtet hat. Namentlich lauten die Berichte von der Westküste
recht trübe. Auf See hat der Sturm viele Schiffsunfälle im Gefolge. Der von Stralsund mit einer
Haferladung nach Flensburg unterwegs befindliche Segler »Johanna« strandete bei Aarkö. Der Rends-
burger Ewer „Zwei Gebrüder«, in Ballast von Nakskoyr nach Hamburg bestimmt, ist bei Lohals ge-
strandet. Der in die Stör einfahrende Segler »Helene« wurde durch den Sturm auf den Außendeich
geworfen und hat schweren Schaden genommen. Das holländische Schiff »Iarus« aus Groningen, mit
Salz von Harburg nach Uddevalla bestimmt, verlor infolge des Sturmes südlich von Laeso seinen (iroß-
mast und brach die Wanten.
Husum, 14. März. Der gestrige Südweststurm brachte das Wasser vor der Schleuse des
Husumer Hafens zu einer ungewöhnlichen Höhe. Es war etwa 31', m über normal. Die Auster-
bassins sowie die daneben liegenden Häuser standen unter Wasser. Die ganze Finkhaushallig war ein
See. Ehbenso stand das Wasser in der Eider von Deich zu Deich. Auf der Eiderwerft mußte ein Teil
der Arheiter zeitweilig die Arbeit unterbrechen.
Brüssel, 14, März. Die furchtbare Springflut, welche während der letzten Tage an der belgischen
Küste gewütet hat, hat yanz ungeheuren Schaden angerichtet. In Antwerpen wurden die Wasserwerke