284 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1906,
stroms hinausgeht und die Temperatur der angrenzenden Gewässer beeinflußt,
indem vermutlich die abzweigenden Äste der Strömung relativ erstarken.
Die Lufttemperatur in Thorshavn steht ebenfalls unter dem Einfluß
der Eistriftschwankungen bei Island, die Werte liegen in eisreichen Jahren durch-
gehend unter dem Mittel, in eisarmen meist über ihm,
Wir wenden uns nun den Verhältnissen des gerade in der Richtung
der Axe des ostisländischen Stroms gelegenen Teils der norwegischen Küste
zwischen Bergen und Christiansund zu, Für die Beurteilung eines möglichen
Einflusses stehen hier die Werte der Wassertemperatur an den drei vor der
Küste liegenden Stationen Ona, Hellisö und Udsire zur Verfügung, für die
gemeinschaftliche Temperaturmittel bestimmt worden sind, um die Besonderheiten
der Lage der einzelnen Stationen zu eliminieren. Die betreffenden Temperatur-
reihen der Tabellen und die Kurven der Tafel zeigen, daß auch hier noch in
eisreichen Jahren bei Island in den Monaten April bis August eine Neigung zu
negativen, in eisarmen zu positiven Abweichungen der Wassertemperatur, wenn
auch schwach, zur Geltung kommt. Der Unterschied ist aber sehr gering, er
beläuft sich im Maximum auf 0,9° (im Juni), im Juli verschwindet er, im August,
September und Oktober ist er wieder schwach angedeutet,
Der mittlere Einfluß eisreicher und eisarmer Jahre scheint also in der
Richtung auf die norwegische Küste hin stark vermindert zu sein, was nicht über-
raschen kann, da der norwegische Strom und die norwegischen Küstengewässer
den direkten Zufluß kalten Wassers aus dem Oostisländischen Polarstrom ab-
schneiden. Man könnte etwa annehmen, daß in eisreichen Jahren der stärkere
Andrang des kalten Wassers einen gewissen Einfluß auf die Temperatur des
norwegischen Stromes durch Vermischung ausübt, die vielleicht im Färöer-Shetland-
Kanal ihren Ausgangspunkt hat. Ebenso gut mag aber die Erniedrigung der
Küstenwassertemperatur an der norwegischen Küste in eisreichen Jahren durch
den indirekten Einfluß atmosphärischer Verhältnisse bedingt sein, indem in
solchen Jahren die Erwärmung der obersten Wasserschichten im Sommer durch
größere Bewölkung oder Niederschläge, nördliche Winde usw. gehemmt sein könnte.
Diese Frage soll hier nicht weiter erörtert werden, sie läßt sich nur durch die
Einzeluntersuchung bestimmter Jahrgänge beantworten,
Daß aber im Durchschnitt die Wirkungssphäre der Eistriften bei Island
nach der europäischen Küste hinüber nicht nur in ozeanographischer, sondern
auch in meteorologischer Hinsicht eine sehr beschränkte ist, geht aus den beiden
letzten Zahlengruppen der Tabelle XIII hervor, in denen die Abweichungen der
Lufttemperatur zu Kopenhagen und Greenwich in entgegengesetzten Eis-
jahrtypen bei Island miteinander verglichen sind. Eine geringe Tendenz zu-
gunsten eines Einflusses mag aus der Anordnung und dem Sinne der Vorzeichen
in den Sommermonaten herausgelesen werden, aber von einer bestimmten Gesetz-
mäßigkeit läßt sich kaum sprechen.
Es soll damit natürlich nicht geleugnet werden, daß in einzelnen eisreichen
Jahren die Temperaturverhältnisse über einem weiten Gebiet unter der Herrschaft
der Kälte-Anomalie stehen, die dann, wie oben nachgewiesen, in der Umgebung
Islands vorhanden ist, aber es gibt auch eisreiche Jahre, in denen die allgemeine
Witterungslage über West- und Mitteleuropa davon unbeeinflußt und das Kältegebiet
im Nordwesten isoliert bleibt. Damit dürfte aber auch einer auf die Eisverhält-
nisse Islands gegründeten Witterungsprognose für unsere Gegenden solange noch
eine rationelle Grundlage fehlen, bis man gefunden hat, welche Ursachen in eis-
reichen und eisarmen Jahren bei Island den Wirkungsbereich der Temperatur-
anomalie im Nordwesten einschränken oder erweitern.
Daß unter diesen Ursachen auch das wechselnde Maß der Entwicklung
des Golfstroms und seiner Ausläufer eine wichtige Rolle spielt, wird kaum be-
zweifelt werden können. Soll daher die weitere Erforschung dieser Verhältnisse
erfolgreich sein, so wird sie sich auch auf das Gebiet des nordatlantischen Ozeans
ausdehnen müssen. Die seit mehreren Jahren durchgeführte planmäßige Unter-
suchung der nordeuropäischen Meere läßt aus manchen Gründen die Notwendigkeit
hervortreten, den Forschungsbereich nach Südwesten hin zu erweitern, um den