Meinardus, W.: Periodische Schwankungen der KEistrift bei Island. 279
Willaume-Jantzen kürzlich eine genauere Beschreibung des isländischen Klimas
veröffentlicht, in der den Eis- und Strömungsverhältnissen in der Umgebung der
Insel ein weitgehender Einfluß zugeschrieben wird,
Auch über die Ausdehnung des Wirkungsbereiches der Eistrift bei Island
auf Klima und Witterung benachbarter Gebiete sind schon oft mehr oder weniger
begründete Ansichten und Vermutungen geäußert worden, während es an ein-
gehenden Untersuchungen darüber noch fast ganz zu fehlen scheint. Einen be-
merkenswerten Versuch in dieser Richtung macht M. Knudsen in seiner Studie
über den Einfluß des ostisländischen Polarstroms auf das Klima der Färöer,!) indem
er die Luft- und Wassertemperaturen zu Thorshavyn von dem Gesichtspunkt aus
diskutiert, welche mittleren Unterschiede die Temperaturen bei den Winden zeigten,
die nach Ausweis der synoptischen Wetterkarten einerseits vom Golfstrom,
andererseits vom Polarstrom herkamen. -
Auch H. Habenicht hat sich seit mehreren Jahrzehnten bemüht, den Ein-
fluß der Eisverhältnisse des ostgrönländischen Meeres und des Labradorstroms
auf die Witterungsverhältnisse Mitteleuropas nachzuweisen und abzuschätzen,
sowie Witterungsprognosen darauf zu gründen, die von wechselndem Erfolg ge-
wesen sind und daher begründete Zweifel an der Richtigkeit der Schlußfolge-
rungen zulassen. Eine systematische Begründung und Beweisführung seiner
Anschauungen und eine Prüfung der Prognosen hat er, wie es scheint, nicht
gegeben. ?) |
W. Brennecke hat ferner in seiner mehrfach zitierten Untersuchung?) die
Wirkung besonders eisreicher und eisarmer Jahre auf die Wasser- und Luft-
temperatur einiger Stationen Islands in den Monaten März—Mai und auf die
Sommertemperatur an der norwegischen Küste und in Kopenhagen nachgewiesen,
ohne diesen Beziehungen weiter nachzugehen. Mehrfach haben auch die nor-
dischen Ozeanographen, besonders O. Pettersson, Gelegenheit genommen, den
Einfluß des ostisländischen Polarstroms und seiner Ausläufer in den meteoro-
logischen und hydrographischen Verhältnissen der weiteren Umgebung in be-
stimmten Einzelfällen zu verfolgen, wobei es in manchen Punkten zu entgegen-
gesetzten Meinungsäußerungen gekommen ist (s. o. S. 233).
Eine erschöpfende Untersuchung des Themas fehlt indessen bis jetzt noch.
Sie würde eine ungewöhnliche Menge tabellarischer Zusammenstellungen von Beob-
achtungsdaten verlangen, die ohne großen Zeitaufwand nicht beschafft werden
können. Man wird versuchen müssen, sich schrittweise dem Ziele zu nähern,
Die nachfolgende Darstellung kann daher auch nur als ein Schrift auf dem Wege
zu diesem Ziele aufgefaßt werden.
Die von mir befolgte Methode ist folgende, Für eine Reihe von Stationen,
die in Tabelle XII aufgeführt sind, wurden die mittleren Monatstempera-
turen für die eisreichsten Jahre einerseits und die eisärmsten
andererseits berechnet. Als eisreiche Jahre galten solche, in denen der Eis-
charakter gemäß Tabelle Vb (S. 154), ausgedrückt durch die Dauer und Schwere
der Eissaison, das Doppelte des Mittelwertes, der sich auf 23 stellte, erreichte
oder überschritt, als eisarme Jahre solche, in denen überhaupt kein Eis erschien
oder das Eisvorkommen sich auf höchstens einen halben Monat beschränkte.
Demgemäß galten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
als schwere Eisjahre: 1859, 66, 69, 74, 81, 82, 88, 92, 1902;
als leichte Eisjahre: 1851, 53, 61, 64, 75, 80, 84, 89, 90, 1900.%)
1) M. Knudsen, Den östgrönlandske Polarstromens Indflydelse paa Faröernes Klima. Jaktta-
gelser over Overfladevandets Temperatur, Saltholdighed og Plankton paa islandske og grönlandske
Skibsrouter i 1899, Kopenhagen 1900. S. 37—42. Ferner in der Schrift: Havets naturlaere Hydro-
orafi med saerligt Hensyn til de Danske Farvande. Skrifter udgivne af Komm. for Havundersögelser.
Nr. 2. Kopenhagen 1905.
» H. Habenicht, Treibeis-Wettertheorie, Mutter Erde. Bd. I. S. 4 u. 23. 1899.
3 W. Brennecke, a. a. 0,
ı) Das Jahr 1900 ist mit aufgenommen worden, obgleich es nach der obigen Bestimmung nicht
als ein schr eisarmes Jahr angesehen werden konnte. Es war aber zuerst als solches bewertet worden
und ist dann beibehalten, um die Berechnungen der Mittelwerte nicht wiederholen zu müssen. Ubrigens
entsprach 1900 doch nahezu den Bedingungen eines sehr eisarmen Jahres.