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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

Ann. d. Hydr. usw., XXXIV. Jahrg. (1906), Heft VI. 
257 
Zum 80. Geburtstage 
Sr. Exzellenz des Wirklichen Geheimen Rates 
Professor Dr. von Neumayer. 
m 21. Juni d. J. vollendet Exzellenz v. Neumayer sein 80. Lebensjahr, in 
seiner alten Heimat in ländlicher Zurückgezogenheit lebend, aber noch 
immer rastlos tätig, wie das eben erschienene große Werk — die dritte 
Auflage der Anleitung zu. wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen — es 
schlagend beweist, . 
Wenn im gewöhnlichen Menschenleben der Zufall eine große Rolle spielt, 
dieses reiche Leben erscheint auffallend bewußt, gleichsam als Kunstwerk, nach 
bestimmtem Plane aufgebaut, Das Wort eines geistreichen Franzosen: »Was ist 
ein großes Leben? ein Gedanke der Kindheit, ausgeführt durch den gereiften 
Menschen«,!) trifft selten so zu wie in diesem Falle. Auf verschlungenen, un- 
gewöhnlichen Lebenswegen ist der Jübilar seit seiner Jugend denselben Leitsternen 
gefolgt, die vor seinem geistigen Auge standen, als er im Jahre 18583, von den 
Goldfeldern nach Melbourne heimkehrend, den Gruß an seine dort zurück- 
gebliebenen Freunde niederschrieb: 
»Ihr liegt zurück in duft’ger Bergesferne 
Mit Eurem Golde, Eurer Armut all; a 
Ich schau nicht um nach Euch, denn meine Sterne, ; 
Sie glänzen mir voran, und ach! wie gerne 
Zög” ich im Adlerfluge folgend ihrem Strahl.« 
Welches waren diese Sterne, die Ziele, denen er sein Leben geweiht hat? 
Sie lassen sich‘ zusammenfassen in die Dreiheit: Deutschland, die Wissenschaft 
und die Seeschiffahrt. Nationale Begeisterung hatte ihn, den Binnenländer, 1848 
für die Idee der Schaffung. einer deutschen Seemacht entflammt. Viele seiner 
Zeit teilten diese Begeisterung; aber bei ihm führte sie zur Tat und bestimmte 
sein ferneres Leben. Als gewöhnlicher Matrose trat der junge Gelehrte 1850 
seine erste Seereise an, 1852 die zweite, die ihn nach Australien. führte, Da- 
zwischen hatte er in Hamburg sein Schifferexamen gemacht und an den Navigations- 
schulen in Hamburg und Triest Unterricht erteilt. In Melbourne erreichte er 
seine Entlassung vom Schiffe »Reiherstieg« und ging zunächst nach den Gold: 
feldern.. Auch hier setzte er seine Lehrtätigkeit fort, indem er eine Anzahl 
deutscher Seeleute zu einer improvisierten Navigationsschule versammelte, um 
ihnen die Rückkehr zu ihrem Beruf zu erleichtern. 
Als Neumayer 1854 Australien als Passagier der »Sovereign of the Seas« 
verließ, geschah dies mit dem Entschluß, sich in Europa die Unterstützung einfluß- 
reicher Männer zu verschaffen, um in Melbourne ein Observatorium zu. gründen; 
das einerseits die Arbeiten des eingegangenen magnetischen Observatoriums in 
Hobarton fortsetzen und erweitern sollte, andererseits die nautische Meteorologie 
und ihre praktische Anwendung nach dem Vorbilde Maury’s pflegen und endlich 
einen Stützpunkt für. die geophysikalische Erforschung der Antarktis abgeben 
sollte. Das Interesse, das A. v. Humboldt und J. v. Liebig sowie später Airy 
und Faraday an seinen Plänen nahmen, gab ihm Mut und Anregung, und im 
Herbst 1856 ging er, diesmal mit reicher wissenschaftlicher Ausstattung und im 
Auftrage des Königs Maximilian von Bayern, wieder nach Melbourne. 
) Quwest-ce-que c’est qu'une grande vie? Une idee d’enfance, ex6cut&e en homme mür. 
Ann. d. Hvdr. usw. 1906. Heft UT.
	        
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