Ann. d. Hydr. usw., XXXIV. Jahrg. (1906), Heft VI.
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Zum 80. Geburtstage
Sr. Exzellenz des Wirklichen Geheimen Rates
Professor Dr. von Neumayer.
m 21. Juni d. J. vollendet Exzellenz v. Neumayer sein 80. Lebensjahr, in
seiner alten Heimat in ländlicher Zurückgezogenheit lebend, aber noch
immer rastlos tätig, wie das eben erschienene große Werk — die dritte
Auflage der Anleitung zu. wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen — es
schlagend beweist, .
Wenn im gewöhnlichen Menschenleben der Zufall eine große Rolle spielt,
dieses reiche Leben erscheint auffallend bewußt, gleichsam als Kunstwerk, nach
bestimmtem Plane aufgebaut, Das Wort eines geistreichen Franzosen: »Was ist
ein großes Leben? ein Gedanke der Kindheit, ausgeführt durch den gereiften
Menschen«,!) trifft selten so zu wie in diesem Falle. Auf verschlungenen, un-
gewöhnlichen Lebenswegen ist der Jübilar seit seiner Jugend denselben Leitsternen
gefolgt, die vor seinem geistigen Auge standen, als er im Jahre 18583, von den
Goldfeldern nach Melbourne heimkehrend, den Gruß an seine dort zurück-
gebliebenen Freunde niederschrieb:
»Ihr liegt zurück in duft’ger Bergesferne
Mit Eurem Golde, Eurer Armut all; a
Ich schau nicht um nach Euch, denn meine Sterne, ;
Sie glänzen mir voran, und ach! wie gerne
Zög” ich im Adlerfluge folgend ihrem Strahl.«
Welches waren diese Sterne, die Ziele, denen er sein Leben geweiht hat?
Sie lassen sich‘ zusammenfassen in die Dreiheit: Deutschland, die Wissenschaft
und die Seeschiffahrt. Nationale Begeisterung hatte ihn, den Binnenländer, 1848
für die Idee der Schaffung. einer deutschen Seemacht entflammt. Viele seiner
Zeit teilten diese Begeisterung; aber bei ihm führte sie zur Tat und bestimmte
sein ferneres Leben. Als gewöhnlicher Matrose trat der junge Gelehrte 1850
seine erste Seereise an, 1852 die zweite, die ihn nach Australien. führte, Da-
zwischen hatte er in Hamburg sein Schifferexamen gemacht und an den Navigations-
schulen in Hamburg und Triest Unterricht erteilt. In Melbourne erreichte er
seine Entlassung vom Schiffe »Reiherstieg« und ging zunächst nach den Gold:
feldern.. Auch hier setzte er seine Lehrtätigkeit fort, indem er eine Anzahl
deutscher Seeleute zu einer improvisierten Navigationsschule versammelte, um
ihnen die Rückkehr zu ihrem Beruf zu erleichtern.
Als Neumayer 1854 Australien als Passagier der »Sovereign of the Seas«
verließ, geschah dies mit dem Entschluß, sich in Europa die Unterstützung einfluß-
reicher Männer zu verschaffen, um in Melbourne ein Observatorium zu. gründen;
das einerseits die Arbeiten des eingegangenen magnetischen Observatoriums in
Hobarton fortsetzen und erweitern sollte, andererseits die nautische Meteorologie
und ihre praktische Anwendung nach dem Vorbilde Maury’s pflegen und endlich
einen Stützpunkt für. die geophysikalische Erforschung der Antarktis abgeben
sollte. Das Interesse, das A. v. Humboldt und J. v. Liebig sowie später Airy
und Faraday an seinen Plänen nahmen, gab ihm Mut und Anregung, und im
Herbst 1856 ging er, diesmal mit reicher wissenschaftlicher Ausstattung und im
Auftrage des Königs Maximilian von Bayern, wieder nach Melbourne.
) Quwest-ce-que c’est qu'une grande vie? Une idee d’enfance, ex6cut&e en homme mür.
Ann. d. Hvdr. usw. 1906. Heft UT.