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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1906.
wenn sie am ausgedehntesten ist, - Dies erscheint wohl plausibel, wenn man
berücksichtigt, daß eine Eisfläche in der kälteren Jahreshälfte die Tendenz
hat, eine Erhöhung des Luftdrucks über sich zu erzeugen, ein Effekt, der um
so größer werden muß, je ausgebreiteter die Eisfläche ist und je weiter sie
sich gegen das warme Meer im Osten und Süden vorstreckt,
Trifft die obige Folgerung zu, so muß die Verschiebung der Scheitel-
punkte der Luftdruckgradienten-Periode einen ungefähren Anhalt für die
(Geschwindigkeit der Eistrift geben,
Zwischen Spitzbergen und Grönland unter 80° Br, tritt das Maximum
des Luftdruckgradienten etwa im Dezember und Januar ein, in 75° Br. im
Februar und März. Die Entfernung beträgt etwa 300 Sm, die Geschwindigkeit
demnach etwa 5 Sm in 24 Stunden.
In 70° Br. wird das Maximum zwischen März und April erreicht, einen
Monat später als unter 75° Br., die Entfernung ist wieder 300 Sm, das ergibt
eine tägliche Verschiebung von etwa 10 Sm.
An der Küste Islands ist das Maximum der Eistrift im April und Mai,
wiederum einen Monat später als unter 70° Br. Die Geschwindigkeit in
24 Stunden beträgt auf die Entfernung von 200 Sm 6 bis 7 Sm.
Für die ganze Strecke von 80° Br. bis Island erhält man eine
mittlere Geschwindigkeit von 6 bis 7 Sm.
Wenn man diesen Wert mit den bisher bekannten, aus Schiffs- und
Flaschenposttriften abgeleiteten Geschwindigkeiten des Polarstroms vergleicht,
so ergibt sich, daß er der Größenordnung nach damit übereinstimmt.
Die empirisch ermittelten Werte zeigen außerordentlich große Unter-
schiede. Scoresby‘) fand z. B. zwischen 80° und 73!/,° N-Br. Triftgeschwindig-
keiten von 8.5, 12 bis 13, 14 und selbst 20 Sm in 24 Stunden. Das am längsten
unversehrt gebliebene Schiff der im Jahre 1777 vom Eise eingeschlossenen
and zugrunde gegangenen Walfängerflotte trieb von 79° N-Br., 5° O-Lg. nach
62° N-Br., 40 W-Lg. mit einer mittleren GeschwindigKeit von 12 Sm. Ander-
seits durchfuhr die Besatzung des im Eise zerdrückten deutschen Polarschiffes
‚»Hansa« auf einer Eisscholle von Oktober 1869 bis Mai 1870 die Breiten von
74° bis 617 mit einer mittleren Geschwindigkeit von nur 4.6 Sin, Der Unter-
schied der letztgenannten beiden Werte rührt zum Teil daher, daß die »Hansa«-
Scholle sich näher der ostgrönländischen Küste hielt als das Walfängerschiff,
Die Geschwindigkeit der Eistrift ist nämlich nach der übereinstimmenden
Erfahrung vieler Polarfahrer am Außenrande des Eisgürtels größer als in
seinem Innern. So hat Koldewey zwischen 70° und 75° Br. an der Außen-
kante des Eises eine Geschwindigkeit von 8 bis 10 Sm angetroffen, während
an der Küste Grönlands namentlich im Sommer, wenn häufiger Südwinde
wehten, die Bewegung des Eises sehr gering war.”)
Nach Mohns bekannten Untersuchungen über die Strömungen des Nord-
meeres?) ergeben sich gleichfalls große Verschiedenheiten in der Geschwindig-
keit der Polarströmung; in 75° N-Br., 0° Lg. ist sie 7 Sm, östlich von Jan
Mayen (also an der Außenseite des Stromes) 15, dagegen vermindert sie sich
vor der Küste Grönlands auf 4 Sm in 24 Stunden,
Äkerblom*) ermittelt aus einigen von der »Antarctic« (1899) zwischen
71° und 75° Br. ausgeworfenen, auf Island gestrandeten Flaschenposten, Ge-
schwindigkeiten von 4,8, 5.1, 4.8 und 6.8 Sm.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, daß die empirischen An-
yaben zwar äußerst schwankende sind, daß sie sich aber doch mit dem oben
aus der fortschreitenden Luftdruckperiode abgeleiteten Wert von 6 bis 7 Sm
als einem mittleren, in genügender Übereinstimmung befinden. Die Zulässig-
keit der Schlußfolgerungen, die zu diesem Werte führten, erhält dadurch eine
neue Stütze.
iR74.
4) Scoresby, An account of the aretic regions. KEdinburg 1820. Bd. I, S. 207£f£.
2) Die 2. deutsche Nordpolarfahrt 1869 und 1870, Bd.2. Wissensch. Ergebn. Leipzig
S. 615. .
3) H. Mohn, Nordhavets Dybde, Temperatur og Strömninger. Christiania 1887. S, 170.
7 FF. Akerblom. Recherchezs oceanographiques. Uppsala 1902. SS. 54.