Meinardus, W.: Periodische Schwankungen der Eistrift bei Island. 237
Der nördlichste Gradient,!) vom Nordpol nach Franz-Josephs-Land hinüber
gemessen, gilt für den Teil des Stromes im Nordpolarmeer, der ungefähr
mit der Framtrift nördlich von Franz-Josephs-Land zusammenfällt. Die Höchstwerte
dieses Gradienten treten in der jährlichen Periode in den Monaten November
bis März, insbesondere im Dezember und Januar, ein. Um diese Zeit
wird also der Polarstrom, soweit er vom Winde abhängig ist, am meisten
beschleunigt sein. Das Minimum fällt auf Juni und Juli; die Gradientrichtung
ist dann umgekehrt, die entsprechende Windkomponente wirkt dem Strom entgegen.
Die Periode zeigt eine ziemlich beträchtliche Schwankung,
Schon aus: den Isobarenkarten Buchans®?) und den darauf basierten
Erörterungen Supans über die arktische Windscheide*®) ließ sich schließen,
daß der Antrieb der damals noch halb hypothetischen arktischen Strömung
im Winter größer anzunehmen wäre als im Sommer. Nansen hat auf Grund
der Framtrift es bestätigt gefunden, daß während und gegen Ende des Winters
die atmosphärische Lage einen vergleichsweise aktiven Abfluß von Eis und
Wasser aus dem Nordpolarbecken gegen das Nordmeer veranlaßt. Im Sommer
dagegen werden die Winde unbeständig, die nördlichen Winde sind häufiger
durch andere ersetzt.*)
Die zweite und dritte Reihe der Tabelle zeigt, daß auch nördlich und
südlich von der Ausgangspforte zwischen Spitzbergen und Grönland der
Hauptantrieb für die Polarströmung in die Wintermonate fällt, und daß im
Sommer, besonders im Juni, eine hemmende Wirkung ausgeübt wird. Die
jährliche Periode des Gradienten ist hier noch größer als im Polargebiet, zugunsten
des winterlichen Gradienten. Man darf daher behaupten, daß gerade
zur Zeit wachsender Temperaturabnahme im Herbst die eisführende Strömung
einen gesteigerten Antrieb nach Süden erhält. Beide Erscheinungen, die
sinkende Temperatur und die beschleunigte Strömung müssen sich gegenseitig
unterstützen, um eine starke Eisführung im hohen Norden in den Wintermonaten
zu veranlassen.
Weiter nach Süden hin wird die vorher einfache jährliche Periode des
Luftdruckgradienten allmählich modifiziert. Das winterliche Maximum spaltet
sich in zwei Teile, ein sekundäres fällt auf den Herbst, während das Hauptmaximum
sich südwärts immer mehr verspätet. Unter 75° Br. tritt es zwischen
Februar und März ein, unter 70° Br. zwischen März und April, Das Minimum
fällt überall auf den Monat Juni.
Wenn man nun in Betracht zieht, daß der jährliche Gang der Kishäufigkeit
bei Island, also etwa in der Breite von 67° seinen Scheitelpunkt
im April und Mai hat, so scheint die Folgerung nahezuliegen, daß die: erwähnte
südwärts fortschreitende Phasenverschiebung sich auf die Eisperiode
Islands gleichsam überträgt. Ein Vergleich der nach Breitengraden geordneten
Kurven der Luftdruckgradienten mit der Kurve der Eishäufigkeit bei Island
auf Tafel 18 läßt das allmähliche Vorrücken der Scheitelpunkte der Kurven
von Norden nach Süden deutlich hervortreten.
Die Annahme ist daher wohl nicht unberechtigt, daß mit der Abnahme
der Temperatur und mit der Verstärkung der aktiven Luftdruckunterschiede
im Herbst an der Ausgangspforte des Polarstroms unter 80° Br. eine sich
steigernde Eistrift verbunden ist, die ihren Höhepunkt. hier etwa im Januar
erreicht. Nach Maßgabe der Geschwindigkeit des Polarstroms wird sich das
Anwachsen und das Erreichen des Höhepunktes der Eistrift weiter nach Süden
ebenfalls verspäten. Mit Rücksicht auf den vorher gemachten Vergleich der
Kurven auf Tafel 18 scheint aber dann gefolgert werden zu können, daß das
Maximum des Luftdruckgradienten, indem es sich gleichfalls nach Süden hin
verspätet, mit dem Höhepunkt der Eistrift in jeder Breite zusammenfällt.
Die Eistrift würde also in jeder Breite den größten Antrieb erhalten,
Vgl. Fußnote 3) auf S. 236.
_ Challenger Report. Bd. II.’ Physics and Chemistry.
‘) A. Supan, Die arktische Windscheide. »Peterm. Mitt.« 1891, -S. 191.
ı) F. Nansen, The Oceanography of the North Polar-Bassin. The Norwegian North Polar-Expedition
1893—1896. Kristiania 1902, S. 396ff.
)