2392 ‚ Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1906.
Lage etwa mit der Null-Linie auf unserer Karte zusammen. Es
braucht kaum besonders betont zu werden, daß die hydrographischen Ver-
hältnisse in den vorgeschobenen Ausläufern des Polarstromes starken un-
periodischen Schwankungen unterworfen sind, und die Lage und Ausdehnung
der Buchten sowohl westlich von Spitzbergen wie nördlich von Jan Mayen
von Jahr zu Jahr stark wechselt, wofür der schwankende Erfolg der Walfänger-
fahrten und Polarexpeditionen zahlreiche Belege geben.
Die bedeutendste Stromteilung, die der ostgrönländische Strom erfährt,
findet dort statt, wo die relativ seichte Schwelle der Dänemark-Straße und
der von Süden in diese eintretende Irminger-Strom sein Profil einengt. So
wird der sogenannte ostisländische Polarstrom nach Südosten hin durch
die Straße zwischen Jan Mayen und Island abgezweigt. Wie aus der Karte
ersichtlich, beeinflußt dieser Strom die Wärmeverteilung in den oberen Schichten
des Meeres bei weitem mehr als der ostgrönländische Strom auf seinem Wege
durch die Dänemark-Straße, Letzterer hat nur eine verhältnismäßig geringe
Mächtigkeit, er wird unterlagert von warmem Wasser, das der Irminger-Strom
nach Westen hin abgibt, so daß in der Schicht von 50 bis 150 m der warme
Unterstrom die Temperaturverteilung mit beeinflußt.!)
Nach den Forschungen der Ingolf-Expedition von 1896 hat der ost-
isländische Strom dagegen eine Mächtigkeit von 150 bis 200 m und kann
wohl seiner Ausdehnung nach als die Hauptfortsetzung des Polarstromes an-
gesehen werden. Es ist allerdings noch nicht entschieden, ob der ostisländische
Strom eine größere Wassermasse mit sich führt als der rascher fließende ost-
grönländische Strom in der Dänemark-Straße. Die Hauptmenge des Eises folgt
jedenfalls dem letzteren, so daß die grönländische Küste auch in diesem süd-
lichen Teil während des größten Teiles des Jahres äußerst schwer zugänglich
ist; nur im Spätherbst gelingt es, den Eisgürtel stellenweise zu durch-
brechen, wenn nicht ein besonders schweres KEisjahr eintritt. Der ost-
isländische Strom bleibt verhältnismäßig eisfrei, er ist es fast stets während
der zweiten Hälfte des Jahres. Dieser Unterschied der Eisführung beider
Strömungen wird von entscheidender Bedeutung für die Eisverhältnisse Islands.
Der ostisländische Strom nimmt nicht die ganze Breite der Straße
zwischen Jan Mayen und Island ein. Seine Achse ist vielmehr nach Süden
gegen Island hin verschoben. Südlich von Jan Mayen scheint ein Zweig des
norwegischen Stromes nach Nordwesten hin vorzudringen, wie die Ausbuchtung
der Wärmelinien zeigt. Abgesehen davon unterlagert aber auch den ost-
isländischen Polarstrom warmes, durch den Eisschmelzprozeß angelocktes
Wasser.) °
Auch auf der südlichen Seite des ostisländischen Stromes an der Nord-
küste Islands macht sich das Auftreten wärmeren Wassers im Zuge der
Wärmelinien bemerkbar, Dies Wasser ist atlantischen Ursprungs und gehört
einem Ausläufer des Irminger Stromes an, der auf die lokale Eisverteilung
an den Küsten Islands von großem Einfluß ist.
Der Irminger Strom zweigt, wie bereits erwähnt, von der warmen
Hauptströmung des Nordatlantischen Meeres nach Norden und Nordwesten hin
ab.) Der größere Teil der Strömung wird gegen die Südostküste Grönlands
abgelenkt und biegt südwärts um, so daß er, wie erwähnt, den ostgrönländischen
Polarstrom begleitet oder als Unterstrom unterlagert (westlicher Zweig des
Irminger Stromes nach Knudsen). Seine Wirkung ist in der engen Scharung
der Linien gleicher Wärme auf unserer Karte deutlich zu erkennen.
Der übrige Teil der Strömung setzt an der Westküste Islands weiter
1) Die schwedische Expedition Nordenskjölds im Jahre 18853 hat dieses Verhalten zuerst
näher festgestellt. x. Hamberg a. a. 0. .
2) Val. O. Pettersson, On the influence of icemelting upon oeeanic eirculation. Svenska
Hydrogr. biolog. Kommissionens Skriftar. II. 1904.
3) Die Darstellung Petterssons, der den Hauptast des Irminger Stromes von Südwest
her gegen die Dänemark-Straße heraufführt, weicht von unserer ab, Wegemann dagegen läßt den
Irminger Strom auch von Süd her gegen Island herankommen. (Die Oberflächenströmungen
des Nordatlantischen Ozeans nördlich von 30° N-Br. Arch. d. Deutsch. Seewarte 18599, Nr. 4
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