Meinardus, W.: Periodische Schwankungen der Eistrift bei Island. 231
geknüpft. . Es zeigt sich eine, zuweilen bis über 81° Br. hinausgeschobene
Bucht, die Whalers-Bai der Engländer, im Eisgürtel, der von dem Eis des
Polarmeeres und dem des im Westen abfließenden Polarstroms (West-Eis) ge-
bildet wird. Auf der Karte tritt diese Bucht besonders deutlich hervor, weil
der warme Strom die Temperatur gerade in der Schicht von 100 m beherrscht.
Der Polarstrom pflegt zwischen Spitzbergen und Jan Mayen seine Eis-
massen in der kälteren Jahreszeit weit nach Südosten und Osten vorzuschieben,
Auch hier wird südlich von 75° Br., wenn auch in geringerem Maße, durch
einen dicht unter der Oberfläche gehenden Zweig des warmen Stromes, der
auf der Karte durch die Ausbiegung der Linie —1 erkennbar wird, der
Zusammenhang zwischen den Eisschollen gelockert oder früh im Sommer eine
Bucht im Eise gebildet. Die Zugänglichkeit des Meeres nach Westen hin
zwischen den Breiten von 72° und 75° ist daher so sehr erleichtert, daß
dieses Gebiet von alters her unter dem Namen Nordbucht nicht nur bei
den Walfängern und Robbenschlägern als beliebtes Ziel ihrer alljährlichen
Fahrten gegolten hat, sondern auch von vielen Expeditionen, die zur Oost-
grönländischen Küste vordringen wollten, als Zugangsstraße meist mit Erfolg
befahren wurde.
Während die hydrographische Situation westlich von Spitzbergen zuerst
durch Mohn auf der norwegischen Nordmeer-Expedition bis in größere Tiefen
aufgeklärt und später noch einmal durch Arrhenius auf der schwedischen
Expedition, die Andrege 1896 und. 1897 nach Spitzbergen brachte, näher
studiert wurde, ist die charakteristische Unterspülung des ostgrönländischen
Eisstromes nördlich von Jan Mayen zuerst von Ryder mit dem Schiff »Hekla«
im Jahre 1891 festgestellt und später auf. den Fahrten der »Antarctic«
(Nathorst 1899, Amdrup 1900) und auf der Fahrt des »Frithjof« (Öster-
gren 1900) wiederholt durch Beobachtungen nachgewiesen worden. Die
Zunge kalten Wassers, die sich zwischen Walfängerbucht und Nord-
bucht einschiebt, ist nach den Lotungen von Mohn, Ryder und Amundsen
durch niedrige Temperaturen von unter — 1° bis zum Meeresgrunde gekenn-
zeichnet. Pettersson bezweifelt daher wohl mit Recht die Haltbarkeit der von
Ryder aufgestellten,!) von Nansen und anderen angenommene Hypothese, daß
das warme Wasser unter der Oberfläche in der Nordbucht von Norden her
kommt, und von einem nach Westen abbiegenden Ast des spitzbergischen
warmen Stromes abzuleiten ist, Nach Pettersson?) dringt das warme Wasser
mit einem Unterstrom von Osten her in die Nordbucht ein, dessen Bewegungs-
energie durch die Kraft der Eisschmelze bestritten wird. Es entspricht dieses
Verhalten der vielfach beobachteten Tatsache, daß, wo Eisschmelze in größerem
Maßstabe vor sich geht und sich das Schmelzwasser auf der Meeresoberfläche
ausbreitet, ein Reaktionsstrom in tieferen Schichten erzeugt wird, Eine andere
Erklärung für die Lockerung des Eises südlich von 75° Br. gibt Amdrup.°)
Er vermutet, daß nördlich von der Shannon-Insel die Küste Grönlands einen
relativ stromstillen Meeresraum vor sich hat, der mit starkem Eis belegt ist,
welches den Hauptzweig des Polarstromes nach Südosten ablenkt, Sobald
dieser den 76, Breitengrad passiert hat, kann sich das Eis weiter ausbreiten
und sein Gefüge lockerer werden.
Die Ausbuchtung kalten Wassers, die unmittelbar nördlich von
Jan Mayen nach Osten gerichtet ist, entspricht einigen Lotungen der
»Antaretic« (Stat. II) und der »Vöringen« (Stat. 217 und 229). Daß die Eis-
grenze hier im Frühjahr eine weite Ausbuchtung nach Osten zeigt, geht aus
den Ryderschen Karten der Eisverbreitung im ostgrönländischen Meere
hervor.,*)
Die Eisgrenze fällt in diesen Breiten zur Zeit ihrer Ööstlichsten
4) Ryder, a. a. O., S. 204,
2) O. Pettersson, On drifisen i norra Atlanten. Ymer 1900, S. 176. On the influence
of icemelting upon oceanic circulation. »Svenska Hydr. biol. komm. Skriftar«, 1904,
3) Amdrup, a. a. O., S. 140—145; 348—350.
4) €. Ryder: Isforholdene i Nordhavet 1877—1892, »Tidsskrift for Sövaesen«. Kopen-
hagen 1896.