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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1906.
die breite Ausdehnung des leichten Polarwassers und der scharf markierte
Vorstoß des warmen atlantischen Wassers,
Wenden wir uns nun der näheren Betrachtung des Strombildes zu.
Zwischen Grönland und Spitzbergen tritt die als ostgrönländischer
Strom bezeichnete kalte Strömung aus dem Polarbecken heraus. Ihre
Wurzeln liegen in dem von Festlandsküsten und Inselgruppen umrahmten
Nordpolarmeer, * Die Stromfäden reichen weit zurück bis zu den sibirischen
Küsten und bis zu denen Alaskas, was zahlreiche Triften, vor allem die der
»Fram«, beweisen.!) Der Ostgrönlandstrom nimmt seinen Weg nach Süden
und begleitet die Ostküste Grönlands bis zu dessen Südkap Farwell, biegt hier
in scharfer Wendung um und läuft längs der westgrönländischen Küste nord-
wärts, bis er durch seitliche Verzweigung nach Westen, an Wasserführung
immer mehr verlierend, mit seinem letzten Ausläufer in der Melville-Bai zu
einer der Wurzeln des Labrador-Stroms wird.”)
Die Abzweigungen, die der ostgrönländische Strom im Nordmeer nach
Osten hin aussendet, treten auf der Karte klar vor Augen in Form vor-
gestreckter Zungen kalten Wassers, zwischen die sich vom östlichen Teil des
Nordmeeres her die Zweige des norwegischen Stromes einschieben.
Die Hauptachse des warmen salzreichen Golfstromes tritt südwestlich
von Irland in das Kartenbild ein, geht, nachdem der sogenannte Irminger
Strom nordwärts abgezweigt ist, in nordöstlicher Richtung zwischen Irland
und dem Rockall-Plateau hindurch und erreicht durch den Färöer—Shetland-
Kanal das Nordmeer. Hier verzweigt sich der Strom vor der Küste Nor-
wegens, seine Hauptachse läuft der Küste entlang, sich abermals westlich vom
Nordkap teilend, indem sie einen Ausläufer ostwärts in das flachere Barents-
Meer abgibt. Die Hauptstromader setzt ihren Weg über tieferem Wasser nach
Norden hin fort und bespült die Westküste Spitzbergens.
Die Karte Petterssons (S. 3) zeigt einen anderen Verlauf der Achse des
norwegischen Stromes, Er läßt sie längs des Meridians von Greenwich bis
über 70° Br. hinaufgehen und dann bogenförmig nach Osten gekrümmt Spitz-
bergen erreichen, Diese Auffassung findet ihre Berechtigung darin, daß sie
auf der Verteilung des Salzgehalts an der Meeresoberfläche basiert ist. Durch
die norwegischen Küstengewässer und durch die Ausläufer des baltischen
Stromes wird eine dünne Schicht salzärmeren Wassers, namentlich im Sommer,
über das salzreichere des Golfstroms ausgebreitet. Infolgedessen erscheint das
eigentliche Golfstromwasser an der Meeresoberfläche auf die mittleren Teile
des Nordmeeres beschränkt; aber schon wenige Dekameter unter der Ober-
fläche sieht man in hydrographischen Profilen?) die Hauptachse des Stromes
weiter östlich liegen.
Das Ineinandergreifen der Zweige des ostgrönländischen und norwegischen
Stromes bedingt ein Örtlich wechselndes Maß der Eisausbreitung des Polar-
stroms. Wo die Ausläufer der warmen Strömung als Oberflächen- oder als
Unterstrom westwärts vordringen, wird entweder das Eis gelockert oder die
Eisgrenze zurückgeschoben.
Die Zugänglichkeit des Meeres westlich von Spitzbergen, die seit
den Zeiten der Entdeckung der Inselgruppe allsommerlich unzählige Fischer-
fahrzeuge in diese hohen Breiten gelockt und diese Stelle zum Ausgangspunkt
vieler Polarexpeditionen hat werden lassen, ist an die Wärmewirkung des hier
oft nur als Unterstrom erkennbaren letzten Ausläufers der Golfstromtrift
', Ein neuer Beweis für die weite Verzweigung des Polarstromes ist vor kurzem erbracht
worden. Auf Veranlassung von Admiral Melville waren an verschiedenen Punkten des Nord-
polarmeeres vor mehreren Jahren besonders konstruierte Triftkörper ausgesetzt worden. Nur zwei
(lavon scheinen bisher wieder aufgefunden zu sein. Die eine Flaschenpost wurde etwa 150 km von
der Wrangel-Insel ausgeworfen und. ein Jahr später an der sibirischen Küste wielergefunden. Die
zweite wurde am 14. Sept. 1599 in 71° 53 N-Br., 164° 53V W-Lg. (nördlich von Alaska) auf eine
treibende KEisscholle gelegt, ie ist am 27. Juni 1905 in der Nähe von Kap Rau de Nupe an der
Nordküste Islands aufgefundens (ieogr. Zeitschr,«, Bd, 12, 1906, , 51,
2) L. Mecking, Die Kistrift aus dem Bereich der Baffin-Bai, beherrscht von Strom und
Wetter. »Veröffentl. des Inst. f. Meeresk. usw.:, Heft 7. Berlin 1905, 8. 31 f.
3; Vol. Nansen., in der auf S. 229 unter 9. genannten Abhandlung.