926 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1906.
wellen. Für die Küstenvermessung soll festgestellt werden, ob die Photo-
grammetrie in unzivilisierten und noch unbekannten Gebieten gegenüber dem
sonst üblichen Verfahren, Basismessung, Triangulation und FeStlegung der
Lotobjekte durch Polygonzüge wesentliche Vorteile bietet, ohne die Genauigkeit
unter das zulässige Maß sinken zu lassen. Es ist dies von vornherein nicht
zu entscheiden, da die Stereophotogrammetrie in dieser Weise überhaupt noch
nicht angewendet worden ist. Auf dem Lande hat sie bisher nur dazu ge-
dient, topographisches Detail zwischen den durch Triangulation bestimmten
Fixpunkten einzuschalten. Auf jedem Plattenpaar befand sich dabei immer
eine Anzaht solcher Fixpunkte, die alle Fehler der Platten zu berechnen
und zu eliminieren gestatteten. Bei der geplanten Anwendung zur Küsten-
aufnahme fehlen die Fixpunkte, da die Stereophotogrammetrie hier die
Triangulation ersetzen soll; die Aufnahmen müssen daher in sich die geforderte
Genauigkeit haben. Aus der Überlegenheit, die die Stereophotogrammetrie
in den Händen des Oberst v. Hübl in Wien bei der topographischen Detail-
arbeit gezeigt hat, läßt sich nicht entnehmen, ob ihre Verwendung zu der
yroßzügigeren Aufgabe, die ihr an Bord S. M. S. »Planet« zugedacht ist und
bei der es auf topographisches Detail gar nicht ankommt, lohnen wird oder
nicht. Dies haben auch die Versuche auf »Hyäne« und »Planet« in den
heimischen Gewässern nicht entscheiden können, da sie sich allein auf die
technische Ausführbarkeit des Verfahrens und die Konstruktion der Apparate
bezogen. Klarheit über diese Frage kann nur ein Dauerversuch in größerem
Maßstabe und im Rahmen einer vollständigen Vermessung erbringen, wie ihn
S. M. S. »Planet« in seinem Vermessungsgebiet in der Südsee anstellen soll.
Anders liegen die Verhältnisse bei den Wellenaufnahmen. Eine exakte
Methode zur Ausmessung von Meereswellen existierte überhaupt nicht, bis
Verfasser dieses darauf hinwies, daß die Stereophotogrammetrie ein vor-
zügliches Hilfsmittel zur Ausfüllung dieser empfindlichen Lücke in den ozeano-
graphischen Forschungsmethoden sein würde. Herr Geheim, Admiralitätsrat
Rottok!) hat in dieser Zeitschrift bereits darüber berichtet und Versuche in
Aussicht gestellt. Im Gegensatz zu der Verwendung der Methode zur Küsten-
aufnahme, bei der das einzelne Plattenpaar nur ein Glied in einer langen Reihe
von aneinander anschließenden Aufnahmen ist,hat jedes stereophotogrammetrische
Bild von Meereswellen eine selbständige Bedeutung, wie eine Landaufnahme,
und dient zur detaillierten und eingehenden Ausmessung und topographischen
Darstellung des photographierten Stückes der Meeresoberfläche mit Hilfe von
Schichtenlinien oder Vertikalschnitten in verschiedenen Richtungen.
Nachdem ein kleiner Vorversuch an Bord S. M. S. »Hyäne« günstige
Resultate ergeben hatte, ist das Verfahren unterdessen von Herrn Professor
Laas?) in Charlottenburg in die Praxis eingeführt worden, Bei einer
Reise auf dem Fünfmast-Vollschiff »Preußen« konnte er eine große Anzahl
stereophotogrammetrischer Wellenaufnahmen machen, die sich zur Aus-
messung auf dem Stereokomparator sehr gut eigneten, Das Hauptresultat
seiner Arbeit war, daß die Form der Meereswellen nicht so einfach ist, wie
die Theorie bisher annahm, und daß noch eine große Menge von exaktem
Messungsmaterial mittels der Stereophotogrammetrie gesammelt werden muß,
ehe man an die Ableitung einer Theorie aus den Beobachtungen denken kann.
Die möglichste Vermehrung dieses Materials ist daher die zweite photo-
grammetrische Aufgabe des Vermessungsschiffes, Sie hat neben dem 0ozeano-
graphisch-wissenschaftlichen Interesse, das die Erforschung der Gestalt und
der Dimensionen der Wellen bietet, auch für den praktischen Schiffbau Be-
deutung, Um die Bewegung des Schiffes in den Wellen beurteilen und danach
seine Konstruktion einrichten zu können, muß der Schiffbauer die Bewegung
der Wellen selber kennen. Vor allem aber ist diese Kenntnis für die Be-
rechnung der notwendigen Stärke der Schiffsverbände erforderlich, für die
4) »Ann. d, Hydr. usw.« 1903, S. 329.
2) Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 1905, und Jahrbuch der schiffbautechnischen
Gesellschaft, 1905.