210 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1906.
7 bis 8° C. betragen, ein Zeichen, daß das Karische Meer zu dieser Zeit schon
lange eisfrei gewesen war,
Schlußbemerkung. Der gute Erfolg der Expedition nach dem Jenissei
sowohl, wie auch der Fahrt der beiden Kieler Dampfer nach dem Ob trotz
der in der Jugor-Straße und im südlichen Teile des Karischen Meeres an-
getroffenen ungünstigen Eislage ist nicht zum wenigsten der vorsichtigen und
fähigen Navigierung und der Entschlossenheit der deutschen Schiffsführer in
schwierigen Lagen zu danken. Besonders anzuerkennen sind die glückliche
Überführung der Leichter und kleinen Schleppdampfer auf dem langen Wege
von Hamburg nach Jenisseisk und die Überwindung der schwierigen Fahr-
wasserverhältnisse im Jenissei, die hauptsächlich für die großen Dampfer ge-
fährlich waren, Das Urteil, das sich die Kapitäne, soweit Berichte von ihnen
vorliegen, über die Fahrt nach dem Ob und Jenissei gebildet haben, geht
übereinstimmend dahin, daß sie mit starken, gut ausgerüsteten Dampfern von
nicht zu großem Tiefgange in jedem Sommer ohne großes Risiko möglich ist,
wenn die Eisverhältnisse nicht allzu ungünstig liegen. Dieses unter dem Ein-
drucke der günstig verlaufenen Fahrt entstandene Urteil erscheint optimistisch,
doch beurteilt auch Makarow die Eisverhältnisse des Karischen Meeres günstiger,
als man es nach den ungünstigen Erfahrungen und Berichten früherer Reisen
fast allgemein getan hat, In seinem Bericht über die Erkundung des See-
weges nach dem Ob und Jenissei sagt Makarow, daß das Karische Meer im
August fast immer entweder ganz eisfrei ist, oder daß das in geringer Menge
zurückgebliebene Eis die Fahrt nicht unmöglich machen kann. Ausnahmen
entständen nur, wenn nordöstliche Winde im Anfang des Sommers vor-
herrschten, die zu. dem im Karischen Meere vorhandenen Eise noch solches
aus dem Eismeere hinzuführten und die Wassertemperatur niedrig hielten, so
daß dadurch das Schmelzen des Eises verzögert würde. Anderseits könnten
südwestliche Winde im Anfang des Sommers bereits in kurzer Zeit das ganze
Eis aus dem Karischen Meere nach Norden hinaustreiben, wie es im Berichts-
jahre (1897) der Fall gewesen sei, wo sich in der Jugor-Straße schon im Juni
kein Eis mehr gezeigt hätte.
Der durch die Eissperrung in der Jugor-Straße verursachte lange
Aufenthalt hat an dem glücklichen Ausgange der Fahrt nichts ändern können.
Er zeigt jedoch, wie wenig Verlaß auf die Fahrbarkeit gerade dieser Straße
auch in einem günstigen Eisjahre bei verhältnismäßig wenig Eis im Karischen
Meere ist, und weist auf die Benutzung der andern Zugänge zum Karischen
Meere hin, besonders der Karischen Straße, Die beiden Kieler Dampfer hatten
nach dem zweiten vergeblichen Vorstoß ins Karische Meer die Absicht, durch
die Karische Straße zu gehen. Sie wurden jedoch auf dem Wege dorthin
durch den Kommandanten des »Jermak« davor gewarnt, weil diese Straße un-
genügend vermessen wäre, Sie standen daher mit Recht davon ab. Genau
ausgelotet ist diese Straße allerdings nicht, doch hat die Fahrt des »Pachtussow«
(s. »Ann. d. Hydr. usw.« 1905, S. 487) gezeigt, daß in ihrer Mitte nirgends
weniger als 36'/, m Wasser sind. Die Straße ist von Schiffen mittleren Tief-
ganges schon verschiedentlich ohne Unfall passiert worden. Sie könnte daher
wohl bei der nötigen Vorsicht ohne große Gefahr benutzt werden. Es ist zu
hoffen, daß sie in der nächsten Zeit von den Russen genauer vermessen wird.
Die größte Gefahr auf der Fahrt nach dem Ob und Jenissei droht nicht
vom Eise, sondern von dem ungenügend vermessenen Fahrwasser. Das hat
nicht nur der Verlauf dieser Expedition gezeigt, auf der durch Auflaufen auf
unbekannte Untiefen »Jermak« beschädigt und »Roddam« verloren ging
(>Hampstead« ist auf einem bekannten Riff gestrandet, aus welcher Ursache
ist nicht bekannt), sondern auch die verschiedenen Strandungen auf früheren
Reisen, Während die Jugor-Straße verhältnismäßig gut vermessen und bei
einiger Vorsicht sicher zu durchfahren ist, droht schon in dem flachen Wasser
an der Jalmal-Küste Gefahr, noch mehr aber in der Umgegend der Weißen
Insel, wie das Auffinden einer flachen Stelle (s. S. 203) zeigt. Am gefährlichsten
ist jedoch das Fahrwasser im Jenissei, das sich in jedem Jahre ändert und
von dem es keine zuverlässigen Karten gibt. Ebenso fehlen dort gute Lotsen