Herrmann, J.: Die Fahrt nach dem Ob und dem Jenissei im Jahre 1905. 209
Jugor-Straße, daß dort der Strom?) hauptsächlich vom Winde abhängig ist.
Bei leichten südwestlichen bis nordwestlichen Winden wurde ostwärts mit
3 bis 4 Sm Geschwindigkeit durch die Straße laufender Strom beobachtet, der
bald nach dem Einsetzen von frischem Nordostwinde kenterte und mit der-
selben Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung lief. Bei der Westeinfahrt
der Straße scheint sich der letztere Strom in zwei Arme zu teilen, von denen
der eine nach Süden längs der Festlandsküste, der andere nach Nordwesten
längs der Westküste von Waigatsch setzend beobachtet wurde, Beim Kap
Bjely Noss betrug die Geschwindigkeit des südlichen Armes etwa 2 Sm, beim
Kap Greben die des nördlichen etwa ebenso viel. Weiter von der Straße
entfernt dürfte sich die Stromgeschwindigkeit noch mehr verringert haben,
Die Warnek-Bucht war während der ganzen Zeit, gleichgültig ob der Strom
durch die Jugor-Straße nach Osten oder nach Westen setzte, stromfrei.
In der Ljamtschin-Bucht wurde nur Gezeitenstrom beobachtet, der mit
etwa 1’/, Sm Geschwindigkeit nordwärts und südwärts setzte und alle sechs
Stunden ‚fast ohne Übergang kenterte.
Im Karischen Meere setzte der Strom etwa 40 Sm östlich von der Jugor-
Straße nach leichten südwestlichen und westlichen Winden mit etwa 1 Sm
Geschwindigkeit ostwärts, drehte jedoch einige Stunden nach dem Umspringen
des. Windes auf Nord und Nordost nach Süden und dann nach Südwesten; in
der letzteren Richtung lief er bei frischem nordöstlichen Winde mit etwa
1!/ Sm Geschwindigkeit auf die Jugor-Straße zu. An der Ostseite des Karischen
Meeres hatten die Schiffe nach dem Jenissei auf der Ausreise und »Simson«
auf der Rückreise nördliche Stromversetzung. »Simson« wurde dort bei
starken nördlichen bis nordöstlichen Winden so bedeutend nach Norden ver-
setzt, daß er, anstatt vor der Jugor-Straße, vor der Karischen Straße anlangte.
Dies würde einer Versetzung von etwa 50 Sm in 1!/, Tagen gleichkommen.
Doch ist es sehr zweifelhaft, ob man bei diesen Winden die ganze Versetzung
auf Strom zurückführen darf; . wahrscheinlich hat Deviation mitgewirkt.
Jedenfalls darf aber, besonders bei unsichtigem Wetter, bei der Fahrt durch
das Karische Meer der Strom durchaus nicht außer acht gelassen werden,
Vor dem Ob- und Jenissei-Busen, wurde ebenfalls nördliche Strom-
versetzung beobachtet,
Wasserwärme nahm auf der Ausreise vom Katharinenhafen nach der
Jugor-Straße allmählich von 10'/,° auf 41/,° C. ab. In der Jugor-Straße
schwankte sie je nach Wind und Treibeis zwischen —1/,° und 5'/,°C.; beim
Vorhandensein von Eis hielt sie sich meist wenig über Null und erreichte
ihren höchsten Wert von 5'/,° C. bei ostwärts nach dem Karischen Meere
laufendem Strome. Im südlichen Teile des Karischen Meeres war sie in der
Nähe von Eis 0° bis 2° C,, stieg dann aber weiter nach Norden in dem eis-
freien Wasser auf 5° bis 6° C., nahm in der Nähe der Weißen Insel und vor
dem Ob- und Jenissei-Busen auf 2° bis 3° C. ab, um in der Jenissei-Mündung
bis Goltschicha wieder auf etwa 8°C. zuzunehmen. Weiter aufwärts bis
Lukowaja Protoka wurde sie noch größer und erreichte 11° bis 12°C, Von
dort bis nach Jenisseisk sank sie mit der vorschreitenden Jahreszeit allmählich
auf Null. Im Ob-Busen nahm die Wasserwärme ebenfalls bis nach Nachodka-
Bucht zu, wo sie 11° C, betrug.
Auf der Rückreise wurden ähnliche Verhältnisse angetroffen, doch hielt
sich die Wasserwärme entsprechend der späten Jahreszeit und dem kalten
Wetter durchschnittlich etwas niedriger. Am 29. und 30. Sept. wurde als
höchster Wert im Karischen Meere nur noch 2° C,, als niedrigster —1° C, ge-
messen. Im Murman-Meere erreichte sie Anfang Oktober nur noch 7°C,
Im Vergleich zu dem sehr günstigen Eisjahre 1897 war die Wasser-
wärme im Karischen Meere im Jahre 1905 niedrig. . In der ersten August-
hälfte 1897 hatte sie nach Messungen des Admirals Makarow“*) dort überall
) Vgl. »Ann. d. Hydr, usw.« 1905, 8. 489. .
2) Bericht des Vizeadmirals Makarow über eine im Sommer 1897 ausgeführte Erkundung
des Seeweges nach dem Ob und Jenissei, . (Russisch.)
Ann, d. Hydr. usw. 1906. Heft V.