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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

Herrmann, J.: Die Fahrt nach dem Ob und dem Jenissei im Jahre 1905, 201 
südlich von Port Dicekson. Es wurde merklich kälter; als es nach einer 
heftigen Schneebö aufklarte, sahen wir vor uns, soweit das ‚Auge reichte, ein 
treibendes Eisfeld. Wir mußten unter Land auf 27 m Wasser zu Anker gehen. 
Das Eis kam mit dem Winde und der Flut in den Strom hineingetrieben. Es 
waren große Schollen, einige wohl gegen 5 m über, Wasser. Sie schienen aber 
sehr mürbe zu sein, denn viele Stücke fielen beim Aneinanderprallen in sich 
zusammen, 
Am Anfange war die Nacht sehr dunkel; man sah die Eisschollen nur 
in kurzer Entfernung vom Schiffe, Gegen 10» N begann ein herrliches Nord- 
licht zu scheinen, so daß die Nacht sichtig wie bei Vollmond war. Der Eis- 
lotse, der auf Wunsch des Fürsten Dolgorukoff!) von Vardö mitgenommen 
worden war und sich jetzt an Bord des »Hapsal« befand, wurde angesichts 
des vielen Eises ängstlich und riet von der Fortsetzung der Reise ab. Er 
meinte, man würde, wenn auch das Durchfahren des HEises gelänge, sich den 
Rückweg nach Port Dickson abschneiden; beide Schiffe würden. dann im Eise 
zerdrückt werden. Er riet, eisfreies Wasser abzuwarten, Meine Ansicht war das 
aber durchaus nicht. Da der Wind NW, Stärke 6, war, mußte doch ent- 
schieden immer mehr Eis nach der Jenissei-Mündung treiben. Dann war das 
Thermometer stets unter Null, in den Nächten bis — 10°C, Unter diesen 
Umständen hätte es nicht lange gedauert, bis die Eisstücke zusammengefroren 
waren, und an ein späteres Auseinanderbrechen war in diesem Jahre schwer 
zu glauben. Kapt. Berg war derselben Meinung wie ich; so wurde am 27. Sept. 
um 74V Anker gelichtet und in das Eis hineingefahren. Die größte Schwierigkeit 
beständ darin, soviel Vorwärtsgang im Schiffe zu behalten, daß es steuerte. 
Die Schraube konnte der großen Eisschollen wegen oft lange Zeit nicht be- 
wegt werden. In etwa zwei Stunden hatten sich die beiden Schiffe durch die 
stärksten und dichtesten Treibeisfelder hindurchgearbeitet; da Nordwestdünung 
bemerkbar war, wurde angenommen, daß keine größeren Eismassen mehr in 
der Nähe waren. Einzeln treibende Eisberge wurden noch öfters passiert. 
Mittags standen wir in 73° 38’N-Br., 78° 50’0-Lg., Wind NW, Stärke 5 bis 6. 
Im Süden von uns wurden wieder größere Eisfelder gesichtet. Es war oft sehr 
unsichtig wegen langanhaltender Schneeböen. Um 5*'/,®* N loteten wir 20 m 
Wassertiefe. Die Nacht war sehr dunkel, jedoch fuhren wir mit einer Ge- 
schwindigkeit von etwa 9!/, Knoten. Die Wassertemperatur wurde stündlich 
gemessen, Sie war ständig +2°C. Die See war bewegt, also nicht viel Eis 
in der Umgegend, 
Am 29. Sept. wurde die gefährliche Weiße Insel auf der Morgenwache 
bei stündlichem, sorgfältigem Loten mit dem Handlot umschifft, Gesichtet 
wurde sie nicht. Mittagsort nach Koppelung 72° 37’ N-Br., 67° 30’ O-Lg., nach 
den Lotungen 72° 50’ N-Br., 67° 0’O-Lg. Wind westlich, Stärke 2. Am Nach- 
mittag wurde es wieder sehr neblig. Der Wind holte südöstlich, Stärke 3. 
Die Wassertemperatur wurde bei ganz glatter See stündlich gemessen; sie war 
noch immer + 2°C. 
Am 30. Sept. nach Mitternacht fing der Wind an zu mallen. Es wurde 
so diek von Nebel, daß die beiden Schiffe Nebelsignale abgeben mußten, um 
sich nicht zu verlieren. Um 2% V war jedoch von »Sweaborg« nichts zu sehen 
und zu hören. Die Wassertemperatur war plötzlich — 1° C.; wir nahmen an, 
daß wir in der Nähe eines Eisfeldes waren, in das »Sweaborg« wahrscheinlich 
hineingelaufen war, und drehten bei. Zufällig klarte der Nebel etwas auf, so 
daß die beiden Schiffe sich wieder zusammenfanden, Nur kleine Stücken Eis 
wurden gesehen. Der alte Kurs rw. 218° (mw. SzW°/,W), der von der Weißen 
Insel direkt nach der Jugor-Straße führt, wurde weiter gesteuert. Um 8% V, 
als der dichte Nebel etwas aufklarte, sahen wir recht voraus große Eisfelder, 
die sich Südost— Nordwest erstreckten, Wir dampften langsam südostwärts 
längs der Eiskante. Gegen 9% V kamen wir an eine etwa 1 Sm breite offene 
Stelle; dort war auch zwischen den Schollen viel freies Wasser. Es wurde 
hindurchgefahren. Der Nebel verschwand ganz. Um 91/4 V sichteten wir 
Vertreter des russischen Verkchrsministeriums-
	        
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