Herrmann, J.:. Die Fahrt nach dem Ob und dem ‚Jenissei im Jahre 1905, 199
wird, um die Fahrt weiter flußaufwärts weniger gefährlich. zu machen. Beim
Festkommen ist es nicht allein der Schaden, den Schiff und Ladung nehmen;
sondern man läuft Gefahr, bei zu langem Aufenthalt die Rückreise nach
Europa nicht ausführen zu können.
Die hinaufgehenden großen Schiffe bekamen nun: je einen russischen
Lotsen an Bord; leider stellte es sich später heraus, daß diese Herren das
Fahrwasser sehr wenig kannten.‘ Ich auf »Hapsal« hatte mehr Glück, Wir
bekamen als Lotsen einen russischen Kaufmann, der früher mit seinem eigenen
Flußdampfer die Strecke befahren hatte, Dieser Mann sprach leider nur seine
Muttersprache, sonst hätte man viele interessante Sachen erfahren können.
Den Fluß kannte er jedenfalls besser als irgend ein anderer in der ganzen Flotte,
Es wurde sehr vorsichtig gefahren, das Flußboot »Ob« an einer Seite
und die Dampfbarkasse an der anderen voraus, stetig lotend, Bojen sollten
auch ausgelegt worden sein; es waren auch viele in. dem Flußplan, den die
Lotsen mit an Bord brachten, eingezeichnet; ich selbst habe aber nur eine
gesehen. Sie bestand aus einem Holzkreuz mit darauf befestigtem Stab und
Flagge. Die Befestigung der übrigen Bojen an den Ankersteinen war jeden-
falls ungenügend gewesen, so daß sie fortgetrieben waren.
Am 10. Sept. wurde erst um 3% N Anker gelichtet und weiter gedampft.
Als es um 9» N bei der herrschenden Witterung zu dunkel wurde, wurde
etwa 21 Sm oberhalb von Goltschicha zu Anker gegangen.
Am Nachmittage des 11. Sept. kam »Sweaborg« fest.) Abschlepp-
versuche, die von »Hapsal« unternommen wurden, gelangen nicht. Die Ladung
mußte geleichtert werden, Da die Leichter, welche die Ladung der Schiffe
nehmen sollten, mit Kohlen beladen ‚waren, mußten dieselben zuerst von den
großen Schiffen übergenommen werden, um Platz für die zu löschenden Eisen-
bahngüter zu bekommen. Welche Verzögerung dadurch entstand, kann man
sich leicht denken. Auch mußte die Arbeit durch die Schiffsmannschaft allein
bewältigt werden. Die 300 Arbeiter, in die Verbannung geschickte Russen,
standen uns erst am Bestimmungsort zur Verfügung. Um 3% N am 12. Sept:
kam »Sweaborg« wieder los, und es wurde weiter gedampft.
_ Am 13, Sept. gegen 4h N ankerten wir in der Nähe des Bestimmungs-
ortes Lukowaja Protoka (69° 48’ N-Br., 84° 0’ O-Lg.).
Bis zum 24, Sept. lagen wir an dieser Stelle. Der Wind war meistens
südlich und südwestlich bis zu Stärke 6. Bei nordwestlicher steifer Brise
setzten heftige Regen- und Hagelböen ein, Da die Leichter nicht alle Ladung
fassen konnten, wurden die Schiffe so.nahe wie möglich an das Ufer geholt
und sämtliche Eisenbahnschienen über Bord in das Wasser geworfen. Die
Schienen sollten später aus dem Eise herausgehauen und ans Land geschafft
werden. Über 2000 Faß Zement von »Hapsal« wurden am hohen Ufer auf-
gestapelt; unter einem darüber erbauten Schutzdache sollten sie den Winter
über liegen bleiben.
Das Löschen ging langsam von statten; von unserer Seite wurde alles
getan, um es zu beschleunigen, damit wir noch vor Eintritt der Eiszeit die
Rückreise antreten konnten; denn dort einfrieren hieß, mindestens neun Monate
von aller Welt in Eis und Schnee abgeschnitten sein. Altmodische Raddampfer
brachten ganze Züge von Samojeden den Fluß herauf. Jeder Dampfer hatte
ein oder zwei große Holzleichter im Schlepptau, die mit der Jagd- und Fang-
beute des Sommers beladen waren. Die Samojeden hatten wohl nie größere
Seedampfer gesehen, denn unsere Schiffe wurden „genügend angestaunt und
bewundert.
Eine russische Ansiedelung wurde von uns besucht. Es waren Zwischen-
händler, die im Tauschverkehr mit den Samojeden standen. Wir wurden
auf freundlichste eingeladen und erhielten als Geschenk mehrere Hunde und
zwei junge Renntiere.
1) Auf der Bank vor dem Nordende einer Insel der Brechowski-Gruppe in etwa 70° 47.5 N-Br.,
280 98’ O-Le