Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1906.
Resultat. Zwischen Ende Mai und Mitte September hatte eine mächtige An-
schwellung des atlantischen Wassers stattgefunden, begleitet von einer Zunahme
des Salzgehalts und der Temperatur. Die gleichzeitige Planktonanalyse zeigte,
daß im September südlichere Formen mit dem atlantischen Wasser ein-
gekommen waren, und daß die im Mai und Juni schon in 25 m Tiefe anzu-
treffenden borealen Planktontiere, z. B. Calanus Finmarchicus im September
erst von 100 m an in den Netzen gefangen wurden,
Weiter stromaufwärts in dem südlichen und westlichen Teile der Färöer—
Shetland-Rinne werden die Verhältnisse sehr verwickelt, weil Wassermassen
verschiedener Herkunft von der Oberfläche bis zum Boden sich hier in einer
gewaltigen wirbelnden Bewegung befinden, wodurch die Stromachse binnen
sehr kurzer Zeit ihre Lage ändern kann.
Der westliche Teil der nördlichen Nordsee liegt in Lee von England,
Schottland und den Orkneys und Shetlands-Inseln und gehört seinem hydro-
graphischen Charakter nach den Randgebieten des Atlantischen Stromes an.
Ich komme jetzt zu den atlantischen Stromzweigen im Barentsmeer,
welche von der russischen Kommission unter Leitung von Knipowitsch,
später von Breitfuß, studiert sind. Daß ein starker Andrang von atlantischem
Wasser gegen das Ende des Jahres 1902 dort stattfand, wird von Herrn Knipo-
witsch zugegeben, er meint aber, daß dies ohne Zweifel keine periodische
jährliche, sondern eine große unperiodische Schwankung war. Knipowitsch
äußert :!)
»Daß dies wirklich der Fall war, davon kann Professor Pettersson sich
leicht überzeugen, wenn er die Angaben über die Salzgehalte während der
genannten Periode untereinander und mit späteren vergleicht.«
Ich habe dieser Aufforderung Folge geleistet, und zwar mit dem folgenden
Resultat,
Ich wählte zu diesem Vergleich diejenige russische Station, von der die
zahlreichsten Beobachtungen vorliegen, nämlich die Station 72° N-Br., 33° 30’
O-Lg., und benutzte wie überall in dieser Arbeit sämtliche mir zugänglichen
Beobachtungen. Um den Einfluß der vielfältigen Schwankungen in dem Ober-
flächenwasser zu eliminieren, werden in der folgenden Tabelle nur die Beob-
achtungen in 200 m Tiefe angeführt. Es wird also bei der Diskussion der
Stromschwankungen in dem Barentsmeer dieselbe Methode angewandt wie
früher bei der Darstellung der Verhältnisse im Skagerrak und in der Nor-
wegischen Rinne, Die Station in 72° N-Br. und 33° 30’ O-Lg. eignet sich be-
sonders zu diesem Vergleich, nicht nur weil man von ihr die längste und
vollständigste Reihe von Beobachtungen hat, sondern auch weil sie gerade in
der Nähe eines Knotenpunkts des Atlantischen Stromes liegt, in dem der süd-
lichste Zweig sich von dem Hauptstrom abspaltet.
Beim Anwachsen des Stromes verschiebt sich dieser Knotenpunkt nach
Osten, und man findet dann in 200 m Tiefe an der genannten Station Wasser
von höherem Salzgehalt und höherer Temperatur als im Sommer. Aus der
Tabelle ersieht man, daß dies am Ende des Jahres eintraf nicht nur im
Jahre 1902, sondern in sämtlichen Untersuchungsjahren 1900, 1901
und 1903, 1904. Zur Ebbezeit des Atlantischen Stromes, welche im Frühling und
Sommer eintritt, rückt der Knotenpunkt mehr nach Westen zurück und die
Beobachtungen zeigen eine Verminderung von Salzgehalt und Temperatur an
derselben Stelle und in derselben Tiefe an,”) weil das atlantische Wasser am
Boden des Barentsmeeres dann durch kälteres und weniger salzreiches Wasser
ersetzt oder wenigstens mit solchem Wasser gemischt wird.
1 N. Knipowitsch, Hydrologische Untersuchungen inı Europäischen Kismeer, »Ann. d.
Hrydr. usw.« 1905, 8. 345. (Sonderabdruck ®. 61.)
2) Die jährliche Schwankung würde in der Mehrzahl von Fällen noch prägnanter hervor-
treten, wenn ich hier die Mittelzahlen der Temperatur und des Salzgehalts zwischen 100 und 200 m
aus allen Beobachtungen zwischen 100 und 250 m berechnen dürfte, weil alsdann jede Möglichkeit,
daß man es hier mit einem Spiel des Zufalls oder der Versuchsfehler zu tun hätte, ausgeschlossen
erscheint. Das Beobachtungsmaterilal ist aber in einigen Jahren zu lückenhaft dazu.