182 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1906.
Umrisse der etwa 12 Seemeilen von Wisby entfernten Küste war das ganze
Phänomen als Luftspiegelung nicht zu verkennen: ein Segler und der um
8 Uhr abends nach Stockholm abgehende Dampfer erschienen beim Passieren
der Kimm in der Luft gespiegelt (Fig. 3, b und c), dagegen wies ein am
Westhorizont beobachteter Dampfer nur jene merkwürdigen Verzerrungen in
vertikaler Richtung auf (Fig. 3a), die an heißen, windstillen Tagen an der See
recht oft beobachtet werden können, Während ich mit einem Opernglase den
westlichen Himmel absuchte, tauchte das Schiff fast plötzlich auf und verschwand
nach einigen Minuten nahezu ebenso schnell wieder, so daß ich den Eindruck
hatte, als wäre es überhaupt nur durch Refraktionswirkung sichtbar geworden,
Derselbe Abend bot uns kurz vor Sonnenuntergang noch die Er-
scheinung einer lateralen Refraktion, wie ich sie bis dahin noch nie
zu sehen Gelegenheit hatte. Etwa um 81/, Uhr abends, als das Stenkyrkehuk
bereits nahezu die normale Gestalt zeigte, vollzogen sich in rascher Folge die
an ihm beobachteten Verzerrungen und Spiegelungserscheinungen noch
einmal an dem südlich von Wisby gelegenen Högklint, einer 4 Seemeilen ent-
fernten, bis zu einer Höhe von 46 m senkrecht aufsteigenden Kalkwand, Die
Veränderungen, die sich hier abspielten, wurden eingeleitet durch ein kulissen-
artiges Vortreten von entfernteren Küstenteilen, die unter normalen Verhält-
nissen von der Högklintwand verdeckt werden und dem Beschauer von Wisby
aus unsichtbar bleiben. Daß es sich tatsächlich um reelle Gebilde handelte,
bewies eine Skizze des südlich vom Högklint gelegenen Küstenstreifens, die
wir 2 Tage vorher bei einer Dampferfahrt nach Klintehamn entworfen hatten.
Ob der angrenzende dunkle Streifen, der auch hier wie eine entfernte Küste
bald sichtbar wurde, gleichfalls in einer lateralen Refraktionswirkung seine
Entstehungsursache hatte, ließ sich nicht entscheiden, da seinen stark wallenden,
fast züngelnden Umrissen jede charakteristische Form fehlte,
Bei den eigentümlichen atmosphärischen Verhältnissen jenes Nachmittags
habe ich es nicht unterlassen, wieder auf die untergehende Sonne besonders
achtzugeben, doch zeigte sie bis zur Berührung ihres unteren Randes mit
der Kimm keine besonderen Formveränderungen. In dem betreffenden
Moment schrumpfte allerdings ihre Scheibe rasch zu einem schmalen Bande
zusammen, das auffallend lange, etwa 3 Minuten, unverändert sichtbar blieb
und dann langsam unter den Horizont sank. Dieselbe Untergangserscheinung
konnte auch noch am nächsten Abend beobachtet werden, obwohl von
sonstigen atmosphärischen Phänomenen am 25, Juni nichts mehr wahr-
zunehmen war. Dr. K. Graff.
3. Über den Zweck der Deviationskoeffizienten.
Im Oktoberheft der »Ann. d. Hydr. usw.« 1905, S. 471, kritisiert Herr
Dr. H. Meldau einen Aufsatz über graphische Ermittlung der Deviations-
koeffizienten (»Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens« 1905, S. 223),
wobei er jedoch von einem Standpunkte ausgeht, der grundsätzlich verschieden
von dem des Verfassers obiger Studie ist. Der Unterschied äußert sich in
der Auffassung des Zwecks, dem numerische Werte von Deviationskoeffizienten
zu dienen haben.
. Meldau hält streng daran fest, daß die Koeffizienten (A, B, C, D, E usw.)
der Formel: .
5 = A-+Bsinf 4 Ccos + Dsin2Y -- Ecos2 Y
+ Fsin3K + Geos3B ee
genauestens Genüge leisten müssen,
Diese Auffassung, für den Theoretiker ganz selbstverständlich, wäre
aber vom Standpunkte des Praktikers aus nur dann zutreffend, wenn die
Berechnung von Deviationen aus den Koeffizienten deren Hauptzweck aus-
machen würde, wobei naturgemäß eine einfache Definition und Berechnung
der genauen Werte mehr als wünschenswert erscheint.
Insolange die Deviationen nur klein sind, etwa bei einem (annähernd)
kompensierten Kompaß, kann noch gelten gelassen werden, daß man aus z. B.
drei Beobachtungswerten, die geeignet über einen Quadranten der Rose verteilt