Wissemann, W.: Die Oberflächenströmungen des Schwarzen Meeres, 177
Dichtigkeitsfläche, Zugleich nimmt aber daselbst die Windgeschwindigkeit zu,
so daß in der Bucht von Odessa sie fast allein maßgebend für die Oberflächen-
strömungen zu sein scheint, selbst wenn man annimmt, daß die Dichteunter-
schiede hier stärker als anderswo sind... Man kann daher mit einem geringen
Fehler die Dichteverhältnisse hier vernachlässigen und, wie das auch geschehen
ist, die Windströmungen einfach als Oberflächenströmungen gelten lassen,
Somit sind Richtung und Stärke des Oberflächenstromes für 43 Punkte
bestimmt. Die Anzahl ist bei der Übersichtlichkeit ‚des Ganzen wohl genügend.
Eine größere Lücke im Gesamtbild zeigt sich im Nordwesten ungefähr unter
45° Breite. -An dieser Stelle, die in bezug auf die Windströmungen als ein
Übergangsgebiet von größeren zu geringeren Geschwindigkeiten zu. bezeichnen
ist, dürfen die Dichteströmungen nicht mehr völlig vernachlässigt werden,
Da es aber, wie aus den Erörterungen auf S. 167 u, 169 hervorgeht, unmöglich
ist, ihren Einfluß numerisch zu ermitteln, so habe ich mich entschlossen, hier-
selbst Interpolationswerte einzutragen, . die aus den Angaben der Nachbar-
punkte, für die zahlenmäßige Resultate vorliegen, gewonnen sind, Dasselbe
ist auch‘ an einigen anderen Stellen geschehen, wo sich Lücken befanden,
konnte aber daselbst mit mehr Anspruch an exakte Richtigkeit ausgeführt
werden, da dort die Unterschiede namentlich in bezug auf die Geschwindigkeit
geringer sind. .
Bei einem Vergleich unserer Stromkarte mit der Wind- und Dichte-
strömungskarte fällt sofort auf, daß für das resultierende Strombild die Wind-
strömungen nach Richtung und Stärke sowohl als auch in bezug auf die
relative Verteilung der Geschwindigkeitsmaxima maßgebend sind und nur
wenig durch die Dichteströmungen modifiziert werden. Letztere spielen hier
wie in allen bisher untersuchten Fällen eine untergeordnete Rolle,
Der größte Teil des Meeresbeckens wird von dem großen Stromring
eingenommen, dessen Existenz sich ohne weiteres aus den beiden anderen
Karten erklärt. Die Strömungen in der Bucht von Odessa wurden bereits
auf S. 169 einer Betrachtung gewürdigt.
Die Stromstärke variiert zwischen 2 und 8 Sm pro Tag. Um uns eine
Vorstellung von der Größenordnung dieser Zahlen‘ zu machen, führen wir
folgendes an: Bei dem Vergleich, der auf Schiffen täglich zwischen dem
»gegißten« und dem (astronomischen Besteck angestellt wird, gilt eine sich
daraus ergebende Stromversetzung von weniger als 10 Sm schon als unsicher,
während eine solche von weniger als 5 Sm einfach als »kein Strom« notiert
wird.) Es handelt sich also in unserem Falle. um Größen, die für die Nautik
kaum Bedeutung haben können, ;
Besondere Beachtung verdient noch folgendes Phänomen, das Spindler
in der Abhandlung: »La Mer de Marmara etc.« erwähnt. . Während der
Oberflächenstrom im Bosporus in der Regel nach Südwesten gerichtet ist,
also vom Schwarzen Meer herkommt, wurde ausnahmsweise auch ein Nordost-
strom beobachtet und zwar in einem Falle sogar bei Windstille, wodurch also
eine Erklärung der Erscheinung als Windtrift ausgeschlossen ist. Es ist nun
daran festzuhalten, daß ‚das durch Rechnung und Konstruktion gefundene
Strombild die Verhältnisse darstellt, wie sie im Jahresdurchschnitt sind,
während doch sehr viele Strömungen notorisch gewissen Variationen sowohl
nach Richtung wie Stärke. mit den Jahreszeiten unterliegen, die zum Teil in
eine völlige Umkehr des Stromes übergehen können: Dann würde. eine
„mittlere jährliche Stromrichtung“ für. solchen Raum etwas ganz Abstraktes,
in Wirklichkeit niemals Vorhandenes ergeben.«”) In der im Eingang dieser
Arbeit erwähnten Abhandlung Spindlers heißt es in bezug auf das Schwarze
Meer ausdrücklich: »Dans la Mer Noire ce ne sont pas les courants constants,
peu d&veloppes d’ailleurs, qui meritent le plus d’attention de la part du marin;
ce sont plutöt les courants imprevus de grande force et de directions variables,
qui se produisent ä la suite des vents ....« Dieser Umstand dürfte meines
') Siehe Krümmel: Ozeanographie IT, S. 372.
?) Ebenda, S. 375.
Ann. d. Hyrdr. usw. 1906. Heft IV. ı