Wissemann, W.: Die Oberflächenströmungen des Schwarzen Meeres, 171
Aus den Zahlenwerten der Stationen Konstantinopel, Sulina, Kertsch, Tiflis
und Trapezunt läßt sich vermuten, daß die 762 mm-Isobare eine in sich selbst
zurücklaufende Kurve bildet, die ein Minimum umschließt. Letztere Annahme
stützt sich auf die Werte für Poti und Samsun.
Ein Luftdruckminimum über dem östlichen Teil des Schwarzen Meeres
hatte Spindler bereits im Jahre 1885 vermutungsweise angenommen und diese
Annahme, wie folgt, zu erhärten versucht.') Schon die Richtung der Winde
an den Beobachtungspunkten der Südostküste legt die ausgesprochene Ver-
mutung nahe. Ferner ergibt sich aus den Aufzeichnungen im Schiffsjournal
des Dampfers »Bug«, an Bord dessen auf der.Strecke vom Bosporus bis Trape-
zunt und zwar vom Mai bis Dezember des Jahres 1875 Beobachtungen über
Windrichtung und -stärke angestellt wurden, daß auf der bezeichneten Strecke
Westwinde vorherrschen. Diese Beobachtung wird von vielen Kapitänen be-
stätigt. Kombiniert man die erwähnte Tatsache mit dem Resultat Spindlers,
daß an der Nord- und Ostküste meist Winde aus östlicher Richtung wehen,
die, je mehr man nach Südosten kommt, um so mehr eine südliche bis sogar
südwestliche Richtung annehmen, so erscheint die Annahme einer zyklonalen
Luftbewegung und also eines. Luftdruckminimums über dem östlichen Becken
des Schwarzen Meeres leidlich gesichert.
Es handelt. sich nun darum, das mutmaßliche Minimum nach Lage und
Austiefung zu bestimmen. Dabei habe ich den » Atlas climatologique de l’empire
de Russie« benutzt und, soweit das mit dem vorliegenden Material vereinbar
war, mich an das Resultat desselben angelehnt. Ich will hier gleich den
wichtigsten Punkt hervorheben, in dem ich mich von seinen Angaben ent-
fernen mußte. Nach dem »Atlas climatologique« verläuft die 762 mm-Isobare
in ziemlich bedeutendem Abstand von der Südküste. Auf meiner Karte liegt
zie um vieles südlicher, was durch die Luftdruckwerte, von Samsun und
Trapezunt bedingt ist, Im Anschluß daran habe ich auch den tiefsten Punkt
der Depression etwas nach Süden gerückt und der von der 761.5 mm-Linie
umschlossenen Fläche eine etwas rundlichere Gestalt gegeben, Nach dieser
Festsetzung ist die Eintragung der übrigen 0.1 mm-Isobaren auf dem ganzen
Gebiet äußerst einfach und das Ergebnis auf Karte V ohne weiteres zu überblicken.
Es mag noch darauf hingewiesen werden, daß sich bezüglich der Luft-
druckverteilung naturgemäß eine Zweiteilung des Gebietes ergibt. . Der Bereich
der östlichen Zyklone mit geringen Luftdruckdifferenzen findet nach Nord-
westen ungefähr am 45, Breitenparallel seine Grenze, Jenseits desselben, in
der Bucht von Odessa, verlaufen die Isobaren in ost-westlicher Richtung und
liegen auch wesentlich dichter aneinander. Diesen bedeutungsvollen Unter-
schied werden wir noch mehrfach zu berühren haben.
Die Richtung des herrschenden Windes bestimmen Mohn wie Wege-
mann?) nach der Formel:
23 wsine
: tang « = ————
Hierin bedeutet @ den Winkel zwischen Windrichtung und Gradienten-
richtung und g@ wie gewöhnlich diegeographische Breite. Ferner ist w==0.00007292
und k — 0.000035 zu setzen. (Näheres über diese Größen siehe bei Mohn,
S, 114 und bei Wegemann, S. 5.) Nach obiger Formel habe ich die »Ab-
lenkungswinkel« für die vollen Breitengrade vom 40. bis zum 47. Grad be-
rechnet und alsdann diejenigen für die dazwischenliegenden Halbgrade durch
Interpolation gefunden. ; 5
Für die Windgeschwindigkeit gibt Mohn die Formel:
vH Gr00S&
o:k
Bezüglich der darin enthaltenen Größen muß ich ebenfalls auf Mohn
und Wegemann verweisen. Die aus dieser Formel sich ergebenden Ge-
1) Spindler: Die Verteilung der Winde an den Küsten des Schwarzen und Asowschen
Meeres. »Repert. für Meteor,«, Band IX. St, Petersburg 1888.
41 Vol. 8. 162. Fußnoten 1 and 3.