Wissemann, W.: Die Oberflächenströmungen des Schwarzen Meeres, 169
nordwärts gerichtete Strom aus dem Schwarzen Meere (mit 16 bis 17 °/4o),
wobei die isohalinen Flächen im Osten überall höher liegen als im Westen
und auch bei diesen schwachen Bewegungen von 0.4 bis 0.8 m. p. S. die Ein-
wirkung der Erdrotation erkennen lassen.«
Noch ein Punkt bleibt zu erwähnen. Das ist die merkwürdige Senkung
des Meeresspiegels im Nordwesten zwischen der Donaumündung und der Krim,
die namentlich auf Karte I stark hervortritt, aber auch auf den beiden anderen
Karten zu erkennen ist, Dazu ist folgendes zu sagen: Einmal ist hier das
Meer sehr seicht; die Grenzfläche, die wir als eben annahmen und in 55 m
Tiefe festsetzten, muß sich hier mit dem Meeresboden heben, Unsere Angaben
greifen daher schon in die Region des Unterstromes ein und liefern ein ge-
fälschtes Resultat. Sodann läßt sich vielleicht noch vermuten, daß dadurch,
daß das zuströmende süße Flußwasser, wie später gezeigt werden soll, unter
dem Einfluß der Nordostwinde und der Erdrotation an der Küste entlang
südwärts treibt, infolge des entstehenden starken Kompensationsbedürfnisses
ein Auftriebstrom erzeugt wird, der das schwere Grundwasser sich mit dem
Oberflächenwasser mischen läßt. Ein Beispiel für eine solche Auftriebs-
erscheinung liefern Ekmans Untersuchungen über die Wasserbewegungen an
der Mündung des Göta-Elf.!)
Die oben erwähnten Übereinstimmungen zwischen den Einzelkarten
gaben Veranlassung zur Konstruktion einer Mittelwertkarte, Diese wurde auf
folgende Weise erhalten: Aus den Einzelkarten wurden nach Schätzung die
Niveauhöhen an den Schnittpunkten der. Längen- und Breitengrade, stellen-
weise auch der Halbgrade entnommen. Zu bemerken ist, daß dabei auf
Karte I die Angaben für das ganze östliche Becken, wo gar keine Messungen
vorliegen, nach Gutdünken ungefähr analog denen der beiden anderen Karten
eingefügt wurden. Darauf wurde für einen und denselben Punkt aus den drei
Ergebnissen das Mittel genommen. Trotzdem die Einzelangaben auf Schätzung
beruhen und, wie oben dargetan, großer Willkür unterworfen sind, so kann
doch das Ergebnis Anspruch auf angenäherte Richtigkeit machen. Denn
erstens ist anzunehmen, daß die gemachten Schätzungsfehler sich teilweise
ausgleichen; dann aber ist auch zu beachten, daß ein Fehler nur mit einem
Drittel seines Betrages im Resultat enthalten ist,
Die so gewonnenen Mittelzahlen wurden auf Karte IV (Tafel 8) vereinigt,
auf der alsdann die Isohypsen im Abstand von 10 zu 10 mm und an einer besonders
wichtigen Stelle ihres Verlaufs auch die +5 mm — Isohypse gezeichnet wurden.
Überblicken wir einmal das sich darbietende Bild! Die größte Höhe befindet
sich im Süden der Donaumündung und die tiefste Depression im Südosten der
Krim. In diesen Grundeigenschaften stimmen, wie oben erwähnt, alle Einzel-
karten überein. Auch die beiden Höhenmaxima am Östrand unter ungefähr
42° Breite und am Südrand unter 38° Länge, die auf den Karten II und IIT
hervortraten, finden sich naturgemäß hier wieder, In dem Ausbiegen der
0 mm- und 10 mm-Linie nach Südosten ist wohl der Einfluß der Stationen 35
aus 1890 und 92 sowie 93 aus 1891 zu erkennen, Die beiden weniger tiefen
Depressionen im Nordosten des Bosporus auf Karte I und IX finden ihren
Ausdruck in dem bedeutenden Ausbiegen der 5 mm-Linie. Eine empfindliche
Lücke im Gesamtbild findet sich in der Nähe der Straße von Kertsch. Doch
läßt sich vermuten, daß die —10- und auch noch die 0 mm-Linie in ziem-
lichem Abstand von der Nordküste verlaufen, Den einzigen Anhaltspunkt
dafür bieten allerdings nur die beiden Stationen 20 und 24 auf Karte I, von
denen 24 wegen vorgenommener Ergänzungen nur angenähert richtig ist,
Wie bereits im Anfang erwähnt wurde, fanden die Beobachtungen, die
das Material zu vorliegender Arbeit bilden, im Sommer statt, also haben ihre
Ergebnisse, streng genommen, auch nur für diese Jahreszeit Gültigkeit. Wir
brauchen, wie aus den im dritten Abschnitt folgenden Ausführungen erhellen
wird, ein Bild für den Jahresdurchschnitt. Im Winter wird die Oberflächen-
temperatur allgemein sinken und also die Dichte zunehmen, was aber für die
\ Krümmel: Ozeanographie. Seite 359