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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1906, 
Periodische Schwankungen der Eistrift bei Island. 
Von Dr. Wilh, Meinardus in Berlin. 
(Hierzu Tafel 6 u. 7.) 
Eine vollständige Chronik und zusammenfassende Untersuchung über 
die Eisverhältnisse des Nordpolargebiets und der ihm entstammenden Strö- 
mungen auf Grund alles vorliegenden Beobachtungsmaterials gibt es heute 
leider noch nicht, Diese Tatsache muß verwunderlich erscheinen, wenn man 
bedenkt, welche Summe geistiger und physischer Kraft und welcher Aufwand 
an materiellen Mitteln schon jahrhundertelang, kaum aber mehr als in unseren 
Tagen, für die Überwindung der eisgepanzerten Arktis geopfert wurde, um sie 
praktischen Zwecken dienstbar oder wissenschaftlichen Forschungen vZu- 
gänglich zu machen. In richtiger Würdigung der Bedeutung, welche eine 
fortlaufende Orientierung über das wechselnde Maß der KEisbedeckung der 
polaren Meere und Strömungen für Wissenschaft und Praxis haben muß, hat 
man zwar vor einigen Jahren nach internationalem Beschluß die Aufstellung 
einer jährlichen Eischronik dem Kgl. Dänischen Meteorologischen Institut über- 
tragen, und es kann nicht dankbar genug anerkannt werden, mit welcher 
Sorgfalt und Pünktlichkeit diese Jahresberichte von dem damit betrauten 
dänischen Kapitän Garde ausgearbeitet und veröffentlicht werden. Aber das 
umfangreiche Material, das ih früheren Jahrzehnten auf Polarexpeditionen, 
auf Walfängerfahrten, an Küstenorten im Bereich der arktischen Eiszone ge- 
sammelt wurde, es harrt noch einer einheitlichen kritischen Bearbeitung zur 
Charakterisierung des Eisvorkommens in den einzelnen Jahrgängen, auf welcher 
die Erforschung periodischer und unperiodischer Schwankungen dieser Erschei- 
nungen fußen könnte. Die Erfüllung dieser ebenso dankbaren wie wünschens- 
werten Aufgabe wird allerdings kaum von der Arbeit eines Einzelnen erhofft 
werden dürfen, aber bei dem immer noch wachsenden Interesse an der Polar- 
forschung wird man sicherlich auf irgend einem Wege die Schwierigkeiten, 
die einer derartigen Aufarbeitung des gesamten Materials entgegenstehen, zu 
überwinden wissen. N 
Ein erster umfassenderer Versuch, eine echronologische Übersicht über 
die Eisbedeekung der arktischen Gewässer und ihre periodischen und un- 
periodischen Schwankungen zu geben, wurde im Jahre 1875 von J. Chavanne‘) 
gemacht, aber es war nur ein Versuch, keine erschöpfende und kritische Studie 
über das behandelte Thema. Man vermißt vor allem eine genaue Charakte- 
risierung der einzelnen Jahrgänge hinsichtlich des Eisvorkommens und seiner 
Ausbreitung in den Strömungen; die Angaben sind zu summarisch gehalten und 
gestatten keinen selbständigen.Einblick in die zugrunde liegenden Eisberichte. 
Der Mangel eingehender Quellenangaben muß sich aber bei der Ver- 
wendung einer derartigen Arbeit zu wissenschaftlichen Untersuchungen be- 
sonders fühlbar machen. Denn die Auffassung über die Stärke und Verbreitung 
des Eisvorkommens, wie sie der Bearbeiter aus den ihm vorliegenden Eis- 
berichten abgeleitet hat, wird naturgemäß einen individuellen Charakter haben, 
dessen Berechtigung durchaus einer Nachprüfung bedarf. Dies umsomehr, 
da von seiten der Beobachter, die auf ihren Fahrten mit dem arktischen Eis 
in Berührung gekommen sind, die Neigung besteht, die persönlich gewonnene 
Ansicht über die von ihnen angetroffenen Verhältnisse zur Grundlage einer 
weit über den eigenen Gesichtskreis hinausgehenden Spekulation zu machen, 
So kann ein auf relativ engem Raum vorhandener, aber zufällig beobachteter 
Eisreichtum oder Eisvorstoß für das Anzeichen eines schweren Eisjahres aus- 
gegeben werden und eine unbewußte Fälschung der Eischronik herbeiführen. 
Andrerseits hat z. B. eine unerlaubte Verallgemeinerung lokaler Beobachtungen 
von Eisarmut zu der lange Zeit von hervorragenden Autoritäten vertretenen 
Annahme eines offenen Polarmeeres Veranlassung geben können. 
5 J. Chavanne: Die Kisverhältnisse im arktischen Polarmeere und ihre periodischen Ver- 
änderungen. »Pet. Mitt.«. Rd. 21. 1875. S. 134—142. 2453—280,
	        
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