32 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1905.
Schuten, Jollen und andere kleine Fahrzeuge sind durch die Gewalt des Windes von ihren Ver-
täuungen losgerissen und dem Zufall preisgegeben worden. Zwischen 8 und’9 Uhr abends tobte
der Sturm am schlimmsten, dann nahm der Wind nordöstliche Richtung an, es trat Frost ein, und
nach und nach wurde es dann ruhiger. Die Unterelbe bekam bis zur Mündung Nebel, und zwar
einen Nebel von solcher Güte, daß von gestern abend 93, Uhr bis heute morgen 9 Uhr kein
Schiff an die Stadt gelangen konnte. Laut Mitteilung von Kapitänen lagen heute morgen beim
1, Feuerschiff annähernd 30 Schiffe zu Anker, die auf günstigeres Wetter zum Einlaufen und Aus-
gehen warteten.
Eiderstedt, 1. Januar. Der vorgestrige Sturm hat viel mehr Schaden angerichtet, als
ursprünglich angenommen wurde, Zahllose große Bäume sind umgeweht, und schr viele Gebäude
sind stark beschädigt. Bei Büttel wurde ein Haus vollständig abgedeckt.
Apenrade, 2. Januar. Eine furchtbare Verwüstung hat der Nordoststurm hier verursacht.
Die Wasserhöhe zeigte gestern 2 Uhr mehr als 2 m über Normalstand und nur %, m niedriger als
bei der großen Sturmflut am 13. November 1872, Beim Steigen des Wassers versuchte man in der
Quarantäneanstalt das Vieh loszumachen, konnte jedoch wegen des rapiden Anschwellens der Flut
diese Arbeit nicht vollenden und mußte einen Teil des Viehs im Stiche lassen,
Die ganze Straße am Südertor mußte geräumt werden. Die Bewohner flüchteten sich zunächst
in die oberen Gemächer, aus denen sie mit Wagen und Booten abgeholt wurden. Der Kleinbahnhof,
die Gasanstalt, das Zollamt, das Kreishaus standen unter Wasser. Der Kleinbahnverkehr sowie
der Betrieb auf der Gasanstalt wurden eingestellt. Die Straßen lagen voll von Balken, Brettern,
Kisten und Booten. — Um 4 Uhr begann das Wasser zu fallen; es steht jetzt aber noch so hoch,
daß es den Kleinbahnhof noch umspült, in der Quarantäneanstalt steht es noch über 1 m hoch.
Die Verwüstungen an den vom Wasser heimgesuchten Stellen erweisen sich als sehr schwer, und
der angerichtete Schaden ist sehr groß. Etwa 900 Stück Vieh sind teilweise in den Ställen um-
gekommen, teilweise lagen die Kadaver auf den Wegen umher. Der Schaden ist sehr bedeutend.
Gestern vormittag fand man in den Eisenbahnwagen noch 20 Stück Vieh am Leben. Die Häuser
haben schwer gelitten, die Keller sind vollgelaufen; Straßen und Bäume sind an vielen Stellen
schwer beschädigt. Der Schaden der betroffenen Einwohner und der Stadt ist groß.
Fiensburg, 31. Dezember, Der gestern nachmittag von Südwest nach Nordost umspringende
schwere Sturm hatte ein rasches Steigen des Wassers im hiesigen Hafen zur Folge. Seit vormittags
steht der ganze untere Stadtteil unter Wasser. Der Schiffsverkehr und der Verkehr auf der
Eisenbahnstrecke Flensburg-—Kiel sind unterbrochen, Der Sturm richtete schweren Schaden an den
Fernsprechleitungen an.
Kiel, 31. Dezember. Das Hochwasser, das um 10 Uhr vormittags 21, m höher stand als
gewöhnlich, breitete sich mittags auf die Hauptverkehrsstraße der Stadt, die Holstenstraße, und
ebenso auf die am Kleinen Kiel gelegenen Straßen aus. Der Fußgängerverkehr ist gänzlich unmöglich.
Die elektrische Straßenbahn mußte den Verkehr zumeist einstellen. Die neuangelegte Straße
Brückensteig senkte sich infolge des von dem andringenden Wasser verursachten Sielbruchs erheblich
and ist teilweise gesperrt. Im Hafen sind zahlreiche Fahrzeuge von den Fluten zerschellt. In Laboe
sind 6 Fischerboote gesunken; die Besatzungen sind gerettet. Um 1 Uhr kam das Wasser zum
Stillstand, von 3 Uhr ab ging es langsam zurück. Der angerichtete Schaden ist bedeutend.
Lübeck, 31. Dezember. Bis mittags wuchs die Wasserflut weiter und stieg bis auf 3 m
über normal. Der ganze Küstenstrich an der Lübecker Bucht ist meilenweit von einer eisigen hoch-
gehenden See überflutet. Die Travemünder Bahn hat heute vormittag wegen der Dammüberflutung
den Betrieb eingestellt. In Lübeck stehen alle niedrig gelegenen Straßen unter Wasser; mehrfach
sind Menschenleben in Gefahr gewesen, Die Kaltbadeanstalten sind von der See zerstört; der an-
gerichtete Schaden ist sehr groß.
Hadersleben, 31. Dezember. Das Hochwasser, verursacht durch den heftigen orkanartigen
Sturm, erreichte einen Stand, wie er hier seit 15872 nicht beobachtet ist. Die niedrig
gelegenen Stadtteile sind vollständig unter Wasser gesetzt. Der Verkehr auf der Kleinbahnstrecke
am Kleinbahnhofe Süderbrücke mußte eingestellt werden. Von der Insel Aaroe wird gemeldet, daß
der untere Teil der Insel vollständig unter Wasser ist, daß bei weiterem Steigen des Wassers eine
Gefahr für den Ort besteht.
Eckernförde, 31. Dezember, Gestern nachmittag und während der Nacht wütete hier ein
äußerst heftiger Westnordweststurm. Das Wasser im Hafen stieg erheblich; bis gegen Mittag
mußten die am Hafen wohnenden Leute mit Booten in ihre Wohnungen befördert werden. Die
Anlagen in Borby stehen vollständig unter Wasser, Das Wasser steigt noch, Die Feuerwehr ist
zur Hilfeleistung aufgeboten.
Swinemünde, 31. Dezember. Wegen Hochwassers wurden in vergangener Nacht einige
Kellerwohnungen in der Königstraße und in der Lotsenstraße geräumt. Das Familienbad ist halb
fortgerissen; die Straßen am Bollwerk sind noch unpassierbar., Das Wasser geht langsam zurück,
(W. T. B.) Seit 1 Uhr nachts wütet ein heiftiges Schneetreiben. Wegen des starken Hoch-
wassers mußte um 4 Uhr früh die Feuerwehr in Tätigkeit treten. Das Bollwerk und die dort
mündenden Straßen stehen unter Wasser.
Stralsund, 31. Dezember. Seit gestern abend wütet hier ein starker Nordoststurm, der
gegen Morgen zum Orkan anschwoll. Der ganze Hafen und die Insel sind überschwemmt. In den
Straßen steht das Wasser fußhoch; der an Waren, Getreide und den Gebäuden angerichtete Schaden
ist schr groß. Seit Mittag herrscht heftiger Schneesturm.
Greifswald, 31. Dezember. (W. T. B.) Seit heute nacht wütet an der hiesigen Küste ein
orkanartiger Nordoststurm, verbunden mit Schneetreiben, der eine große Sturmflut zur Folge hatte.
In der Stadt wurden die Straßen überschwemmt; an einigen Stellen ist der Damm der Hafenbahn
durchbrochen, Das Dorf Wieck steht unter Wasser und ist von jeder Verbindung abgeschnitten.
Die Kleinbahn Greifswald — Wolgast hat den Betrieb einstellen müssen, weil der Bahndanım auf