508 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1905.
etwa zum 75. Meridian haben wir ein, durch das Aufwerfen der Frage nach
einem südwärts setzenden Strom, höchst interessantes Gebiet, Wohl hat man
aus der Summe der Schiffsbeobachtungen ein allgemeines Bild der Ver-
hältnisse gewinnen können, aber die Erscheinungen einzelner Jahre und Mo-
nate wurden bisher nicht untersucht.
a) Die Abweichungen bedingt durch die Westwindtrift. Ver-
folgen wir die Oberflächentemperaturen im westlichen und mittleren Teile für
die drei Berichtsjahre, so sehen wir, daß dem Jahre 1901 keine besondere
Stellung zukommt. Aus den Karten, Kurven und Tabellen ergibt sich ganz
allgemein, daß die Jahre 1901 bis 1903 in diesen Teilen zu kalt waren. 1901
macht hiervon keine Ausnahme. Wenn wir jedoch von der südlichen Kälte-
zone — dem Gebiete nördlich und nordöstlich der Crozet-Inseln — absehen,
so sind die Abweichungen in diesem Jahre zwar unregelmäßig in der zeitlichen
und örtlichen Verteilung, aber doch verhältnismäßig gering. .
Dagegen ging schon aus dem Abschnitt II hervor, daß in den Jahren
1902 bis 1903 die Oberflächentemperaturen als stark anormal bezeichnet
werden mußten. Ehe wir aber die Abweichungen vom normalen Mittel selbst
besprechen, wollen wir versuchen uns Aufklärung über das Zustandekommen
derselben zu verschaffen,
Es dürfte unwahrscheinlich sein, daß die großen Wassermassen‘ der
mittleren Breiten an Ort und Stelle zu stark erwärmt oder abgekühlt werden.
Sie sind in ihrem Vorhandensein in diesen Gegenden durch Strömungen bedingt,
die sie von den Gebieten, wo die Erwärmung oder Abkühlung in großem Maß-
stabe möglich ist, also von niederen bzw. höheren Breiten, herbeiführen, Die
großen negativen Abweichungen, die wir im westlichen Gebiete festgestellt haben,
können also nur dadurch zustande kommen, daß entweder die Wassermassen des
Agulhasstromes oder die der Westwindtrift zu kalt sind. Der warme, schnell-
fließende Agulhasstrom breitet sich südlich vom Kaplande aus!) und wird
durch die ihm entgegendringenden kalten Wassermassen der Trift zersplittert
und paralysiert. Je nach der Geschwindigkeit und der höheren oder niederen
Temperatur muß sich der Einfluß des jeweilig »kräftigeren« Stromes stärker
bemerkbar machen.
Aus den Isametralenkarten (Tafel 19), auf die weiter unten näher ein-
gegangen werden wird, sehen wir, daß die negativen Abweichungen in
den südlichen und südwestlichen Gebieten am stärksten sind,
während sich im Norden teilweise positive Abweichungen finden, Wir kommen
so zu der Annahme, daß die Temperaturabweichungen durch die West-
windtrift verursacht sind, und finden eine Begründung für diese Annahme
noch dadurch, daß wir jetzt die auffällige Tatsache, daß sich während der
kalten Periode, Winter 1902 bis Herbst 1903 im Februar 1903, im Mischwasser-
gebiet eine Wärme-Insel findet, erklären können. Der größeren Intensität der
Westwindtrift gelingt es in der Periode 1902 bis 1903 leichter die Wärmemengen
des Agulhasstromes zu verteilen und durch Mischung zu vernichten, Im
Februar setzt der Agulhasstrom, der in diesem Monat nach Toynbee”) die
größte Geschwindigkeit besitzt und demnach auch die größte Menge warmen
Wassers in diese Gegend führt, dem Mischungsvorgang den größten Widerstand
entgegen. Diesen größeren Wärmeüberschuß kann die Trift nicht so schnell
ausgleichen, als in den Monaten geringerer Geschwindigkeit, wohl aber gelingt
es ihr, — wie die Figuren V und VI veranschaulichen sollen —, der Aus-
breitungstendenz entgegen zu arbeiten und den Strom zusammenzustauen, und
so einem kleinen Gebiete eine anormal große Wärmemenge zuzuführen, die
sich als Gebiet positiver Abweichung bemerkbar macht. Die Wärme-Insel,
die sich in dem Mischgebiet findet, ist so durch die verstärkte Wirkung der
Westwindtrift zustande gekommen, ohne daß der Agulhasstrom irgendwie
anormal war.
iy Atlas der Deutschen Seewarte für den Indischen Ozean Taf. 3.
t, Segelhandbuch für den Indischen Ozean S. 15 und »Ann. der Hydrogr. usw.« 1883 S, 64.