Herrmann, J.: Die Bedeutung der Nordostdurchfahrt für die Schiffahrt. 493
dadurch entstehenden Aufenthalt empfindlich verkürzt. In allen Berichten
über Fahrten in diesen Gewässern finden sich Hinweise darauf. Wegen der
Häufigkeit des Nebels im Sommer wurde schon die Vermessung der Neu-
sibirischen Inseln durch Anjou. im Jahre 1821 in der kalten Jahreszeit vor“
genommen, ; .
Von größtem Einfluß: auf die Eisverhältnisse sind neben den Strömungen
die Winde. Für die Lena-Mündung liegen die zweijährigen Windbeobachtungen,
von 1882 bis 1884, der russischen Polarstation!) auf der Insel Ssagastyr
(73° 22,7’ N-Br. 124° 5’ O-Lg.) vor. Danach herrschen dort während der warmen
Jahreszeit östliche, während der kalten westliche Winde vor. Im Frühjahr
ist das Übergewicht der östlichen und südöstlichen Winde über die westlichen
noch nicht groß; im Sommer dagegen treten die westlichen Winde neben den
östlichen, ostsüdöstlichen und teilweise nordöstlichen Winden wenig auf, Im
Herbst erlangen die westlichen Winde wieder das Übergewicht, neben denen
in größerem Maße ‚noch südliche und in geringerem nordwestliche sich be-
merkbar machen. Im Winter herrschen‘ westliche und südwestliche, erstere
überwiegend vor. Mit diesen Verhältnissen stimmen die Erfahrungen Nansens
Ende August bis Mitte September 1893 überein, der auf seiner Fahrt vom
Karischen Meer bis zur Olenek-Bucht hauptsächlich östliche Winde antraf.
Wrangel?) gibt für das Polarmeer in der Umgegend der Kolyma-
Mündung westliche und nordwestliche Winde als die im allgemeinen während
des ganzen Jahres vorherrschenden an; im Herbst und- Winter soll SO
überwiegen, im Sommer: NW, doch soll letzterer auch im Winter häufig vor-
kommen. ;
Die Beobachtungen der Vega-Expedition in ihrem Winterquartier bei
Pitlekai, etwa 120 Sm westlich von der Bering-Straße, zeigen dieselben Wind-
verhältnisse wie in der Bering-Straße und an der Ostküste des nördlichen
Asiens, In der kalten Jahreszeit‘ von‘ Oktober bis_ Mai herrschten Winde
zwischen NW und NO überwiegend vor, während Südwinde erst im Juni über
wiegend auftraten und so blieben bis Mitte Juli, wo die Beobachtungen mit
der Weiterfahrt der »Vega« nach der .Bering-Straße endeten,
Die Angaben über die Stromverhältnisse bedürfen noch sehr der Klärung
durch weitere Beobachtungen. Während man hauptsächlich einen nach Osten
längs der Küste setzenden Strom (die aus den Flüssen nach Norden setzende
und durch die Drehung der Erde nach Osten abgelenkte Strömung) erwarten
sollte, der auch auf der Fahrt der »Vega« bis zum Kap Schelagskoi vor-
wiegend angetroffen wurde, fand Nansen viel Gegenstrom und veränderlichen
Strom. Man kann daher wohl annehmen, daß der Strom hauptsächlich unter
dem Einfluß des Windes steht. ‘ Nach Wrangel soll der Strom zwischen
Swjatoi Noss und der Insel Koljutschin ebenso wie auch weiter westlich im
Sommer- von Ost nach West laufen und im Herbst umgekehrt; im Frühjahr
beobachtete er häufig Südoststrom, den er auf die herrschenden Nordwest-
winde zurückführt.
Die Bering-Straße ist an der engsten Stelle zwischen dem Ostkap und
dem Kap Prince of Wales etwa 49 Sm breit, mit ziemlich gleichmäßiger
Wassertiefe von 47 m. Sie wird ebenso wie das Bering-Meer und ‚der ‚offene
Teil des Eismeeres nördlich davon alljährlich von Walfischfängern befahren
und ist gut bekannt. Die vorhandenen Seekarten sind ausreichend und das
englische: Segelhandbuch®) gibt ausführliche Angaben über‘ die Eis-, Wind-
und Stromverhältnisse, die daher nur mit einigen Ergänzungen*) kurz an-
geführt werden sollen. ; ;
1) Beobachtungen der russischen Polarstation an der Lena-Mündung: II, Teil, 1. u. 2. Lieferung,
bearbeitet von Eigner, 1886 und 1887, ; ;
2), Narrative of an expedition to the Polar Sea, 1820—1823, commanded by Lieutenant
Ferdinand v. Wrangel. By Licut.-Col. Edward Sabine, London 1844. -
3) Sailing Directions for Bering Sea and Alaska, 1898. .
4) Annalı d. Hydr. usw. 1880, Seite 141; Bemerk. über d, Windverh. in d. Beringstr. und
Annal. 1890, Heft X u. XI: Eis u. Strömungsverh. d. Beringmeeres, d. Beringstr. u, d. nördl.
davon belegenen KEismeeres. von Kant. Hesvemann.: Isforholdene i de arktiske Have 1903 u. 1904: