490 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1905,
ist sie in den Karten über einen halben Längengrad zu weit westlich ein-
getragen.
Wegen seiner ungünstigen Eisverhältnisse, die den russischen Akademiker
v. Baer zu dem vielfach angefeindeten Vergleich mit einem Eiskeller ver-
anlaßten, hat das Karische Meer einen schlechten Ruf, Diese rühren haupt-
sächlich daher, daß das während des Winters im offenen Meere und in den
Buchten durch die strenge Kälte gebildete Eis, das bei dem geringen Salzgehalt
des Oberflächenwassers eine beträchtliche Stärke erreicht, nach seinem Auf-
bruch wegen der Abgeschlossenheit des Meeres im Südwesten (durch die
Karische und Jugor-Straße kann nur wenig Eis hinauskommen) nicht durch
Wind oder Strom fortgeführt werden und sich über ein freies Meer verteilen
kann. Es staut sich vielmehr oft längs der Ostküste von Nowaja Semlja und
in der Südwestecke des Karischen Meeres an und versperrt dort die Zugangs-
straßen, während östlich davon oft eisfreies oder segelbares Wasser ist. Auch
im nördlichen Teile des Karischen Meeres ist dann, besonders im Spätsommer,
zuweilen ganz eisfreies Wasser, durch das man ungehindert vom Nordende
von Nowaja Semlja oder von Matotschkin Scharr nach Osten laufen kann.
So war im Jahre 1899 der ganze nördliche und mittlere Teil des Karischen
Meeres befahrbar, während der südliche Teil und mit ihm die Jugor-Straße
erst im September eisfrei wurden. Segler, die im Laufe des August dieses
Jahres durch die Karische Straße, Matotschkin Scharr oder um das Nordende
von Nowaja Semlja ins Karische Meer einliefen, sahen erst im Nordosten von
der Weißen Insel Eis, Vermehrt wird das im Karischen Meere selbst erzeugte
Eis beim Aufbruch der Flüsse durch das Flußeis und ferner durch das vom
Norden durch Wind und Strom hineingetriebene arktische Eis, dessen Menge
indessen in günstigen Eisjahren nicht sehr bedeutend ist. Die Eisdecke des
Karischen Meeres, die im Winter wenigstens stellen- und zeitweise zusammen-
hängt, bricht schon früh im Jahre auf und schmilzt im Laufe der warmen
Jahreszeit unter der Einwirkung des erwärmten Wassers der dort mündenden
Flüsse und der Luftwärme allmählich. In sehr günstigen Jahren würde auf
diese Weise gegen den Herbst fast gar kein Eis mehr vorhanden sein, wenn
nicht vom arktischen Eisgürtel her durch nördliche Winde stets für neue
Zufuhr gesorgt würde.
Für die Beurteilung der Eisverhältnisse des Karischen Meeres, die in
den verschielenen Jahren in bezug auf die Lage des Eises großen Verände-
rungen unterworfen sind, kommen in erster Linie Windrichtung und -Stärke in
Betracht. Während nördliche und östliche Winde das Eis in den westlichen
und südwestlichen Teil des Karischen Meeres treiben und dort oft eine un-
durchdringliche Eisbarriere aufrichten, genügen schon starke West- und Süd-
winde von kurzer Dauer, um die südlichen Zugangsstraßen wieder freizumachen
und eine offene Rinne an der West- und Südseite zu schaffen, Bei wechselnden
Winden wird gewöhnlich im Sommer durch die in das Karische Meer mündenden
Flüsse ein Fahrwasser längs der Süd- und Ostküste offengehalten, auf das man
rechnen kann, wenn der Zugang durch die Jugor- oder Karische Straße möglich
ist. Auch die Lage der Packeiskante ist für die Eisverhältnisse im Karischen
Meere von Bedeutung. Liegt sie in den Südeisjahren weit nach Süden, so
hält sie die Sommertemperatur niedrig und verhindert die schnelle Auflösung
des Eises,
Nach den bisherigen Erfahrungen scheinen die ungünstigen Eisjahre
im Karischen Meere zu überwiegen. Wenn behauptet wird, daß es durch-
schnittlich in jedem Jahre schiffbar sei, so kann sich dies offenbar nur auf
gewisse Zeiten und Strecken beziehen. Die Hauptschwierigkeit für die Schiff-
fahrt liegt also darin, daß man nicht immer eine günstige Gelegenheit antrifft
oder beim Warten auf eine solche zu viel von der ohnehin knappen Schiff-
fahrtszeit verliert. Dies gilt natürlich auch in besonderem Maße von den
Zugangsstraßen. Gewöhnlich ist das Karische Meer erst im August und
September schiffbar, selten früher, und auch dann darf man nicht immer darauf
rechnen, auf geradem Kurse hindurchsteuern zu können, wie es in einzelnen
günstigen Jahren möglich gewesen ist (s. S. 485). Meist wird man die eisfreie