186 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1905,
fest eingeschlossen wurde und hilflos nach Nordosten trieb, zeigt die Gefähr-
lichkeit solches Unternehmens. Hätte Weyprecht damals einige Tage gewartet,
so würde sich wahrscheinlich das Eis auseinander gezogen haben, und der
Verlauf der Expedition, deren ideales Ziel nach Payers eignen Worten die
nordöstliche Durchfahrt war,!) wäre ein anderer geworden.
Matotschkin Scharr bildet eine etwa 58 Sm lange Durchfahrt, die Nowaja
Semlja zwischen 73° und 74° N-Br. in die nördliche und südliche Insel teilt.
Ihre Breite beträgt an beiden Enden 5 bis 6 Sm, nimmt aber nach der Mitte
zu sehr ab und ist an der engsten Stelle kaum !/, Sm. Das Fahrwasser, das
sich im allgemeinen den Windungen der Durchfahrt folgend in der Mitte hält,
ist tief; die durch die kleinen Flußläufe und durch die Geschiebeablagerungen
gebildeten Bänke sind ihrer Lage nach bekannt, nur an den engsten Stellen
ist große Vorsicht erforderlich, da dort die Lotungen sehr spärlich sind. Der
russische Plan der Straße ist ziemlich genau; auch einen englischen gibt es.
Gute Ankerplätze findet man an der Osteinfahrt, doch kann man auch an der
Westeinfahrt und an anderen Stellen ankern.
Bei unsichtigem und nebligem Wetter ist der Eingang in die Straße
vom Westen her wegen der Gleichförmigkeit der Küste schlecht zu finden.
Bei klarem Wetter ist die Steinbake auf Kap Stolbowoi, der Südhuk der west-
lichen Einfahrt, eine 20 Sm weit sichtbare gute Landmarke, Der Nordseite
dieser Einfahrt darf man wegen der vorgelagerten Untiefen nicht zu nahe
kommen, sondern muß sich mehr an der Südseite halten, wo man ziemlich
dicht an die Klippen vor der Südhuk hinangehen kann. Die scharfen Krüm-
mungen der Durchfahrt lassen, ähnlich wie in den patagonischen Kanälen, oft
die Fortsetzung des Fahrwassers nicht erkennen und können leicht zu dem
Glauben verleiten, daß man in eine Sackgasse geraten ist,
Matotschkin Scharr bildet den kürzesten Weg vom Nordkap zum Ob
und Jenissei und ins Sibirische Eismeer (bis zur Insel Wilkitzky etwa 900 Sn)
und hat außerdem noch den Vorzug, daß sie wegen der Küstenformation
weniger von Treibeis heimgesucht wird, als die Karische und Jugor-Straße,
Die Zugänglichkeit der Straße vom Westen her ist abhängig von der Lage
des Packeises in der Barents-See. Die Zeit des Eisaufbruchs an der Westseite
schwankt in den verschiedenen Jahren um 1 bis 2 Monate. Während die
Straße 1882 in der letzten Hälfte des August noch unzugänglich war, öffnete
sie sich 1897 schon im Mai. Im Jahre 1903 lagerte Ende Juli dichtes Packeis
bis 25 Sm westlich von der Straße, während 1904 die Westküste von Nowaja
Semlja in den letzten 10 Tagen des Mai von Matotschkin Scharr bis nahe
südwestlich vom Kap Nassau für Segler schiffbar war. Im Juli und August
desselben Jahres war die ganze Küste eisfrei. In der Straße selbst, die im
Frühjahr eher angelaufen werden kann, als die beiden südlicheren Straßen,
öffnet sich die feste Eisdecke in der Mitte nicht vor Mitte Juli; gewöhnlich
wird die Straße erst Ende Juli oder Anfang August eisfrei, zuweilen noch
später, Sie wird zu dieser Zeit mit Vorteil benutzt werden können, wenn
man die Karische und Jugor-Straße durch Treibeis aus dem Karischen Meer
gesperrt findet. Nordenskjöld empfiehlt den Weg durch Matotschkin Scharr
nach und vom Karischen Meer erst nach Ende August, früher seien die beiden
südlicheren Straßen vorzuziehen. Anfang August darf man noch nicht mit
Sicherheit darauf rechnen, von der Straße quer über das Karische Meer ost-
wärts laufen zu können, sondern man wird sich auf einen bedeutenden Umweg
nach Süden längs der Ostküste von Nowaja Semlja gefaßt machen müssen,
um den im Karischen Meer bis Anfang September mit dem Winde umher-
treibenden Eismassen zu entgehen.
Während das Treibeis im Karischen Meere erst im Herbst ganz schmilzt
oder doch wenigstens sich so zerteilt, daß es segelbar wird, scheint sich eine
eisfreie Rinne schon viel früher längs der Ostküste von Nowaja Semlja und
Waigatsch zu bilden, die sich auch an der Südküste des Karischen Meeres
) Hellwald, Im Ewigen Eis, Seite 816.