Ann. d. Hydr. ete., XXXIH. Jahrg. (1905), Heft XI,
Die Bedeutung der Nordostdurchfahrt für die Schiffahrt.
Von J. Herrmann, Assistent der Deutschen Seewarte.,
Seit drei Jahrhunderten schon beschäftigt die Frage der Verwendbarkeit
der Nordostdurchfahrt, d. h. des Seeweges vom Atlantischen Ozean durch das
Sibirische Eismeer nach dem Stillen Ozean, für regelmäßigen Schiffsverkehr
nicht nur die wissenschaftlichen Kreise, sondern auch das praktische Interesse.
Gilt es doch der Abkürzung des Schiffahrtsweges nach Ostasien um ein be-
deutendes und in erster Linie der Erschließung Sibiriens für den Seehandel
zur intensiveren Ausbeutung des natürlichen Reichtums dieses gewaltigen Ge-
bietes, für das die großen in das Polarmeer mündenden und weit aufwärts
schiffbaren Ströme die natürlichen und wichtigsten Verkehrswege sind. - Gelöst
ist die Frage auch heute trotz vieler Versuche noch nicht; persönliche Urteile
dafür und dagegen, gestützt auf den Erfolg oder Mißerfolg der verschiedenen
Unternehmungen, ‚stehen sich gegenüber. Ja selbst. über die Brauchbarkeit
einzelner Abschnitte des ganzen Weges hat man noch nicht Klarheit gewinnen
können, weil die Grundlagen dafür, die genaue Kenntnis der Naturverhältnisse
und außerdem auch, namentlich in der östlichen Hälfte, Küsten- und Fahrwasser-
vermessungen fehlen.
Neben den Ergebnissen älterer Forschungen ‚sind wir durch die syste-
matischen Untersuchungen und Küstenaufnahmen, die von den Russen in den
letzten Jahren vom Weißen bis nach dem Karischen Meer gefördert worden
sind und die viel wertvolles Material über die hydrographischen Verhältnisse
dieser Gewässer geliefert haben, über den westlichen Teil.des Weges leidlich
unterrichtet. Aber noch bleibt auf der größeren östlichen Hälfte vom Karischen
Meer bis zur Bering-Straße fast alles zu tun, was zum sicheren Befahren dieser
Gewässer erforderlich ist. Es fehlt dort nicht nur die Kenntnis der hydro-
graphischen und meteorologischen, besonders. der Eisverhältnisse, sondern auch
die Küstenvermessung ist sehr mangelhaft, so daß die Schiffe in dem seichten
mit zahlreichen Klippen und Bänken besetzten Fahrwasser längs der. Küste
beständig in Gefahr sind, zu stranden. Umsomehr ist daher dem Bestreben
der Kais. Russischen Gesellschaft für Schiffahrt zur systematischen Erforschung
der Nordostdurchfahrt baldiger Erfolg zu wünschen. Auf die Vorschläge, die
auf Anregung von Dr. L. Breitfuß zur praktischen Durchführung der
nötigen Arbeiten von einer Kommission der genannten Gesellschaft gemacht
wurden,!) wird später. noch näher eingegangen werden. Zunächst soll ein
kurzer Überblick über die Natur des Weges die Schwierigkeiten zeigen, an
denen alle bisherigen Fahrten mit Ausnahme der Nordenskjölds gescheitert
sind und. die auch heute noch fast unübersteigliche Hindernisse für die Schiff-
fahrt bilden.
Die eigentlichen Fahrten zur Entdeckung der Nordostdurchfahrt be-
gannen erst Mitte des 16. Jahrhunderts von England und Holland aus, mit
der Absicht, auf diesem Wege nach China und Ostindien zu gelangen, von
deren unermeßlichen Schätzen alle anderen Völker durch die Eifersucht der
seegewaltigen Mächte Spanien und Portugal ferngehalten wurden. Gleichzeitig
hoffte man mit dieser Durchfahrt nicht nur einen bedeutend kürzeren, sondern
auch sturmfreieren Weg als den um das Kap Hoffnung nach Ostasien zu
finden.‘ Aber alle diese Fahrten scheiterten hauptsächlich an der gänzlichen
Unkenntnis des Weges sowie an der frühen Jahreszeit, in der sie ausgeführt
wurden; sie wurden bald wieder aufgegeben. Keine einzige kam über das
Karische Meer hinaus. Erst Nordenskjöld gelang es fast 300 Jahre später,
mit der »Vega« in 1878/79 nach einmaliger Überwinterung. Asien auf. dem
Wege durch das Nördliche Eismeer zu umfahren, nachdem im Jahre 1872 die
österreichische Polarexpedition unter Payer und Weyprecht bei demselben
1) Petermanns Mitt. 1904, Heft XII
Ann. d. Hydr. ete.. 1905. Heft XT