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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1905.
Bekanntermaßen hat der niedrige Luftdruck, der über ein Land hinweg-
zieht, einen durchgreifenden Einfluß auf die klimatischen Verhältnisse dieses
Landes, auch kann man von vornherein als feststehend annehmen, daß große
Verschiebungen der Grenze zwischen dem Golfstrom und dem Polarstrom
großen Einfluß haben nicht nur auf die Enststehung niedrigen Luftdruckes,
sondern auch auf die Bahnen, denen dieser Luftdruck folgt. Mangels ge-
nügender Beobachtungen ist das zwar noch nicht völlig klargestellt, man kann
aber ohne Gefahr sagen: Eine Verschiebung der Grenze zwischen Golfstrom-
wasser und Polarstromwasser kann Wetteränderungen in West- und Nord-
eguropa zur Folge haben, und wenn die Verschiebung groß ist, so daß das
Polarstromwasser des Nordmeeres das Golfstromwasser im südwestlichen Teile
des Nordmeeres bedeckt, muß man beträchtliche Wetteränderungen erwarten.!)
Natürlich aber nur, wenn das Polarstromwasser beträchtlich kälter ist als das
Golfstromwasser, also im Winter und Frühjahr; im Sommer und Herbst da-
gegen, wenn der Temperaturunterschied zwischen beiden Wasserarten an der
Oberfläche gering ist, können ihre Verhältnisse auch nicht mehr von so
großer Bedeutung sein.
In anderer Beziehung kann der Polarstrom seinen Einfluß aber stets
geltend machen, wenn nämlich beträchtliche Mengen seines Wassers als
Mischwasser die Küsten Europas erreichen, so kann das dem Polarstrom
eigentümliche Tier- und Pflanzenleben ihm folgen und somit für die Ent-
wicklung, die Wanderung und den Fang der Fische von Bedeutung werden,
Welchen Einfluß die hydrographische Beschaffenheit des Wassers auf die
Fischerei hat, wurde bei einer Fahrt des dänischen Forschungsdampfers »Thor«
nachgewiesen. Der Kabeljau laicht bei Island nur auf dem flachen Wasser
an der Süd- und Westküste, also an Stellen, wo warmes Wasser aus dem
Atlantischen Ozean ist. Der ausgewachsene Kabeljau sucht diese Stellen zum
Laichen auf und wird dort zur Laichzeit im März und April massenhaft ge-
fangen. Später zieht sich der Kabeljau von dort weg, er sucht dann das
Polarwasser auf, wo er mehr Nahrung findet; die Fischerei geht daher im
Sommer hauptsächlich an der Ost- und Nordküste vor sich. Der Laich und
die Brut, in der Brutzeit im warmen Wasser des Atlantischen Ozeans, werden
vom Strom an der Westküste Islands entlanggeführt, so daß eine Menge der
Jungen in das Polarstromwasser gelangen, wo sie sich aufhalten, bis sie aus-
gewachsen sind und nun die Brutplätze im Atlantischen Ozean aufsuchen.
Was nun die Gewässer um Dänemark betrifft, so ist in der süd-
lichen Nordsee das Wasser bei seiner geringen Tiefe ziemlich gleichartig; der
Salzgehalt, infolge reichlicher Frischwasserzufuhr niedriger als im Atlantischen
Ozean, ist am größten in den Hoofden, wo sich das vom Atlantischen Ozean
einströmende Wasser als eine Zunge salzhaltigeren Wassers erkennen läßt.
Wenn auch die Bewegung des Wassers durch die Gezeiten bald nach der
Nordsee bald nach dem Ozean gerichtet ist, so strömt durch den Englischen
Kanal doch mehr Wasser in die Nordsee herein als hinaus. Auch im nörd-
lichen Teile der Nordsee sind starke Gezeiten, aber die Gesamtwirkung aller
Strömungen dort ist doch die, daß Wasser aus dem Atlantischen Ozean um
Schottland herum in die Nordsee hinein nach Süden oder Südosten gelangt.
Dieses Wasser vereinigt sich mit dem vom Englischen Kanal kommenden, es
strömt dann an der deutschen Küste nach Osten, wendet sich in der Deutschen
Bucht nach Norden und geht schließlich nach Vereinigung mit dem aus dem
Skagerrak kommenden Wasser an der Westküste Norwegens nach Norden.
Die Summe aller Strömungen in der Nordsee bildet also einen Kreislauf; in
der westlichen Nordsee nach Süden, in der östlichen nach Norden, wobei der
größte Teil des Wassers, das um Schottland herum in die nördliche Nordsee
dringt, etwa bis zum Südende der Doggersbank gelangt. Ein Teil davon ver-
mischt sich mit dem frischen Wasser aus den Flüssen und bildet das weniger
i) Die Wechselwirkung zwischen den Meeresströmungen und den atmosphärischen Vor-
gängen ist in bezug auf die primäre Ursache doch noch nicht in der Weise festgestellt, wie es nach
diesen Ausführungen erscheinen könnte. D. Red.