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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

158 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1905. 
und antarktische Gebiet ausnehmen, ein richtiges Bild von der Form des 
Meeresbodens haben. In der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 
beginnen auch die wissenschaftlichen Expeditionen zur Erforschung des Tier- 
lebens im Meere, Unbekannte Tierformen, die man mit reparaturbedürftigen 
Telegraphenkabeln im Mittelmeere zutage förderte, gaben dazu den ersten 
Anstoß, und nach der großen Challenger-Expedition, die vier Jahre dauerte 
und eine ungeheuere Menge wissenschaftlichen Arbeitsstoffes brachte, senden 
Deutschland, Norwegen, Schweden, Holland, Belgien, Rußland, Österreich und 
Amerika zur Durchforschung des Meeres und seines Tierlebens wissenschaft- 
liche Expeditionen aus, die, ausgerüstet mit allen Hilfsmitteln der Neuzeit, das 
Meer in allen Tiefen mit Fanggerätschaften von der gewöhnlichen Kurre bis 
zum kompliziertesten Klappnetze, vom Hanfschwabber bis zum feinsten Gaze- 
trichternetz nach Organismen durchsuchen, mit dem Lote aus allen Tiefen 
Grundproben heraufbringen für wissenschaftliche Untersuchungen, die Unter- 
suchungen über Farbe und Dichtigkeit des Meerwassers anstellen, dessen 
Temperatur und chemische Beschaffenheit in allen Tiefen ermitteln und neben 
den meteorologischen Beobachtungen eine Anzahl Strombestimmungen vor- 
nehmen; alles hauptsächlich um die Lebensbedingungen der im Meere lebenden 
Organismen kennen zu lernen und um durch Einsicht in die Meeresströmungen 
zum Verständnisse der klimatischen Erscheinungen beizutragen. 
Fast gleichzeitig mit den wissenschaftlichen Expeditionen wurde die 
Kenntnis des Tier- und Pflanzenlebens im Meere durch Errichtung biologischer 
Stationen am Meere gefördert. Die biologischen Stationen kann man in zwei 
Gruppen teilen; die eine Gruppe beschäftigt sich hauptsächlich mit rein 
wissenschaftlichen Arbeiten, man untersucht Pflanzen und Tiere, die aus dem 
Meere heraufgeholt worden sind, und erforscht in Aquarien ihre Lebens- 
bedingungen, ihre Fortpflanzung, Entwicklung usw. Auf den biologischen 
Stationen der andern Gruppe stellt man Untersuchungen von mehr praktischer 
Bedeutung an, indem man die für den Menschen nützlichste Meeresfauna, die 
wichtigsten Fischarten, ihre Wanderungen, ihre Fortpflanzung, Nahrung, 
Lebensweise usw, untersucht und damit zu den Grundlagen kommt, auf denen 
die Fischerei, d. h. die Bewirtschaftung des Meeres betrieben werden muß. 
Geht nun aus dem Gesagten hervor, daß die Meeresforschung sowohl 
wissenschaftliches wie praktisches Interesse hat, so möge ein Blick geworfen 
werden auf die Entwicklung der Meeresforschung, die man Hydrographie 
nennt, Man versteht darunter die Wissenschaft, die sich mit den physikalischen 
und chemischen Verhältnissen des Meeres beschäftigt, insonderheit mit den 
Meeresströmungen, der Temperatur und dem Salzgehalt des Meeres, Am 
Schlusse des 19, Jahrhunderts hatte man durch die Beobachtungen der See- 
leute und durch die wissenschaftlichen Expeditionen eingehende Kenntnis der 
gewöhnlichen Verteilung von Temperatur und Salzgehalt des Meeres ge- 
wonnen, auch waren die Oberflächenströmungen im großen ganzen bekannt, 
über die Strömungen in tieferen Schichten des Meeres hatte man zwar mancherlei 
Angaben, doch beruhten diese nur auf mehr oder weniger wohlbegründeten 
Vermutungen, und man war sich auch garnicht klar darüber, daß solche An- 
gaben anderes als rein wissenschaftliches Interesse haben konnten. Der See- 
mann hatte mit der Kenntnis von Wind, Wetter und Oberflächenströmung 
alles, was er für seine Zwecke brauchte, und man war ganz davon überzeugt, 
daß man das warme Klima von Westeuropa dem Golfstrom und das kalte 
Klima Grönlands oder von Nordamerika dem Polarstrom zu verdanken habe. 
Welchen praktischen Nutzen brachte diese Erkenntnis aber! Ja, könnte man 
danach dasWetter oder die Abweichungen vom gewöhnlichen Wetter vorher- 
bestimmen, das würde von unermeßlichem Nutzen sein. 
Nun ist es doch aber offenbar, daß, wenn der Golfstrom_ so großen 
Einfluß auf das Klima von Westeuropa hat, man zunächst seine Anderungen 
und auch die des Ostisländischen Polarstromes sowie ihre wechselseitigen 
Beziehungen studieren muß, wenn man den Zusammenhang zwischen den 
Änderungen des Gefstromes und den Änderungen des Klimas in West- 
europa ergründen will. Ferner ist bekannt, daß die meisten Fische zu
	        
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