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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1905.
Relative Stärke von Flut und Ebbe. Nach einem an vier Stationen
angestellten Vergleich beträgt der Unterschied in der Stärke von Flut und
Ebbe nicht mehr als 3°%,. Diese fast völlige Gleichheit bestätigt den aus-
geprägten Gezeitencharakter der Strömungen und stimmt überein mit der
schon früher festgestellten Tatsache, daß im Hintergrund der Bai die Er-
hebung des Wasserspiegels bei Flut über das Mittelniveau völlig gleich ist
dem Betrag der Erniedrigung bei Ebbe. Eine Ungleichheit in der Stärke von
Ebb- und Flutstrom, wie sie wesentlich nur an Station B gefunden wurde
(Flutstrom stärker), will Dawson am ehesten auf lokale Eigentümlichkeiten,
etwa Bodenrelief oder Küstenkonturen zurückführen; ein Anzeichen für ein
konstantes Strömungselement, nämlich Westwärtsbewegung, darin zu erblicken,
dafür gäben die bisherigen Beobachtungen jedenfalls keinen Anhalt.
1. Die Tiefenströmung,
An allen Stationen wurde die Maximalstärke von Ebb- und Flutstrom
auch für die Tiefe von 55 m ermittelt. Dabei zeigte sich, daß die Stärke des
Tiefenstromes nie mehr als um 7°/, von der des Oberflächenstromes abweicht,
daß also die Gezeitenbewegung in der ganzen Wassermasse bis zu 55 m Tiefe
nahezu die gleiche Geschwindigkeit besitzt. Ebenso erfolgt das Kentern von
Oberflächen- und Tiefenstrom nahezu gleichzeitig, indem der zeitliche Unter-
schied den Betrag von 10 bis 15 Minuteu im allgemeinen nicht übersteigt,
Endlich ist auch das Verhältnis der Stärke von Ebb- und Flutstrom in der
Tiefe dasselbe wie an der Oberfläche: beide Gezeitenbewegungen sind ungefähr
gleich stark,
IT. Störung durch Wind.
Eine Störung der Strömung durch gelegentlichen starken Wind
scheint meist nur die Tiefe von 10 m zu erreichen und nie die Tiefe von 20 m
zu überschreiten. Eine Störung ist deshalb auch nie nachhaltig, sondern muß
bald wieder den normalen Bedingungen weichen, da von diesen die ganze
Wassermasse bis zum Boden beherrscht wird.
Die Strömung wird auch beeinflußt durch bevorstehenden Sturm: sie
setzt nämlich vor dem Ausbrechen eines Sturmes in der Richtung gegen den-
selben mit größerer Stärke als gewöhnlich. Diese Verhältnisse sind analog
den von der Ost- und Südostküste Neufundlands her bekannten‘).
IV. Örtliche Verschiedenheiten der Strömung.
Dawsons Angaben gerade über diesen Punkt dürften für den Schiffs-
führer besonders wichtig sein und mögen darum eingehender mitgeteilt
werden.
Lokale Besonderheiten der Strömungen werden bewirkt entweder durch
Inseln, die in der Strömungsrichtung liegen, oder durch einen hohen Betrag
des Tidenhubes, infolgedessen die Küstenkonfiguration bei Ebbe und Flut sehr
verschiedene Gestalt erhält. Als ein Haupthindernis der ersten Art sieht
Dawson die am Eingang der Fundy-Bai gelegene Insel Grand Manan an.
An der südlich davon befindlichen Station K ist der Ebbstrom fast doppelt
so stark als der Flutstrom und überhaupt auch im Vergleich zu den übrigen
Stationen ungewöhnlich stark. An der Ostküste bei Station L herrscht zwischen
Ebb- und Flutstrom dasselbe Verhältnis, aber beide sind ungewöhnlich schwach.
Und in der Zeit des Stillwassers besteht zwischen diesen beiden benachbarten
Stationen eine Differenz von einer vollen Stunde. Ferner bei Station J hält
der Strom sogar noch 1'/, Stunden an, nachdem er 10 Sm weiter westlich
schon gekentert hat. Ähnliche zeitliche Differenzen bestehen zwischen den
Stationen H und B sowie zwischen P und C. Und vergleicht man die vier
Stationen A, K, N, J miteinander, so zeigt sich, daß ein Schiff auf dem Weg
von A nach N, also längs der Mittellinie der Bodenrinne, einen Ebbstrom von
nur 1!/, bis 2!/, Knoten gegen sich haben kann, wohingegen es bei einer
"Ann. d. Hrvdr. ete.« 1905. S. 1485 und 149.