Hambruch, P.: Die Eisverhältnisse auf der Unterelbe, 449
| Tritt Tauwetter auf der Elbe ein, und dies pflegt bei westlichen und
südlichen Winden der Fall zu sein, so bleiben auf der Elbstrecke von
Hamburg bis Glückstadt hin die Verhältnisse fast dieselben, es sei denn, daß
eine Sturmflut große Eismassen in die Elbe hineindrängt, die namentlich
den schwachen Deichen an der Lühe gefährlich werden können. Die Eis-
brecher zertrümmern in der oben geschilderten Weise das Eis und die Ebbe-
strömung führt es nach See hinaus, Anders gestalten sich die Verhältnisse
am Pagensand und Schwarztonnensand. Diese steilen Sandbänke verursachen
oft Eisstauungen, die bei den verschiedenen Windrichtungen, besonders bei
nordwestlichen Winden, das Eis in das Fahrwasser treiben. Namentlich treten
diese Eisstauungen ein, wenn beim Tauwetter das Eis der Oberelbe plötzlich
ins Treiben gerät. Dasselbe wiederholt sich an der Glückstädter Bank und
an der Rhin-Plate. Auf dieser Strecke bis nach Brunsbüttel hin kommt es
auch zuweilen vor, daß bei Westwinden die Schnitte sich vom Südufer löst,
an einem Ufervorsprung einen Stütz- und Drehpunkt findet und sich nun
quer über die Fahrrinne legt. Eine Situation, die namentlich beim Nebel
Schiffen verhängnisvoll werden kann, Unterhalb Brockdorf, wo bis Bruns-
büttel die Fahrrinne hart am Ostufer verläuft, treibt das Eis bei westlichen
Winden von der Westseite ab und schiebt sich lange Zeit infolge der Tiden-
strömungen zwischen Scheelenkulen, Brunsbüttel und Altenbruch hin und her
und ruft die schwersten Eistreiben mit hervor, denen die Schiffe zuweilen
nicht gewachsen sind.
Auf der Strecke von Altenbruch bis Cuxhaven und weiter ist der Ost-
wind wiederum sehr unangenehm, da er alles Eis direkt in das Fahrwasser
hineintreibt. In Cuxhaven kann bei solchem Eisgange der Hafen nicht an-
gelaufen werden; man muß in solchem Falle die Flut abwarten. Hat dieselbe
zwei Stunden lang hindurch eingesetzt, so geht die Strömung vom Ufer mit
dem Eise ab, und in einer halben Stunde ist der Hafen völlig geleert. Über
Cuxhaven hinaus regeln sich die Eisverhältnisse nach den jeweilig herrschen-
den Witterungsumständen. Sowohl bei Südost- wie Westwinden ist schwerer
Eisgang hier anzutreffen — namentlich nach dem Eintritt. von Tauwetter,
wenn die Eismassen von den Watten und Sänden abtreiben —, wie des weiteren
die Journalauszüge!) der Elbeleuchtschiffe IV und IT (siehe S. 450/451) aus dem
schweren Eisjahr 1895 zeigen. Wird der Eisgang sehr schwer, so legt Feuer-
schiff IV nach Cuxhaven, während III und II, auch die Lotsgalliote weiter in
See hinausgehen. Tritt scharfer anhaltender Westwind ein, so treibt er die
Eismassen nach Norden hinauf, und das Eis verschwindet aus der Elbe.
Es dürfte hier angebracht sein, einiges über die Einwirkung der Eis-
verhältnisse auf die Schiffahrt und die Navigierung auf der Unterelbe zu
sagen, Tritt die Kälte plötzlich ein bei ruhigem Wetter, so ist das Moment
zur Bildung des gefährlichen Oberflächeneises gegeben, Dieses kann namentlich
den kleineren hölzernen Schiffen verhängnisvoll werden; können dieselben aus
irgend einem Grunde einen Hafen oder Zufluchtsort auf der Elbe zum Über-
wintern nicht erreichen, so sind zwei Möglichkeiten zum Schutze des Schiffes
gegeben. Dort, wo es möglich ist, läßt man das Schiff bei Hochwasser an
günstiger Stelle auf den Strand laufen, alsdann kann die steigende und fallende
Eisdecke keinen festen Angriffspunkt am Schiffskörper gewinnen, ist es aber ge-
zwungen, im Wasser zu bleiben, so muß man es abwechselnd vorn oder hinten
trimmen, um dem Eise die Möglichkeit, in den Körper einzuschneiden, zu nehmen.
Geschieht dies nicht, so ist es möglich, daß die Holzschiffe nach kurzer Zeit
von dem scharfen harten Eise durchschnitten werden, Was die große Schiffahrt
betrifft, so wird dieselbe im großen und ganzen nicht‘ so hart getroffen wie
die Kleinschiffahrt, die. mit dem Eintritt der Kälte still liegen muß, da die
Segler und Schleppzüge das Eis nur schwer oder gar nicht bewältigen können.
Im allgemeinen ist aber die Befahrbarkeit der Elbe von Cuxhaven bis Hamburg
durch die hamburgischen Staatseisbrecher sichergestellt. Nur ausnahmsweise
’) Von Herrn Lotsenkommandeur C. Kördell in Cuxhaven freundlichst zur Benutzung
übergeben.