36
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1905.
der doppelten Rose zu sein, einer Einrichtung, welche später eine all-
gemeinere Verbreitung gefunden zu haben scheint, Man half sich auch ein-
fach dadurch, daß man die Nadel unter der Scheibe beweglich machte. Nau-
tonnier berichtet darüber in seiner genannten Arbeit: »si on veut, on la (die
Nadel) peut tellement agencer et appliquer ä la rose des vents, quelle peut
estre auancee ou recullee ä Vendroict d’autres vents, ou degr6s que ceux
esquels les poinetes d’icelle estoyent au parauant; selon que porte le lien ou
region ou VPobservateur se trouve.« Auch Riccoli (s. 0.) spricht ausdrücklich
von einer »Pyxis!) mobilis« im Gegensatz zur »Pyxis Immobilis, seu fixa.«
Beim »beweglichen Kompaß« ist die Nadel unter der Scheibe verschiebbar.
Die Holländer erreichen denselben Zweck, indem sie den äußeren Bogen des
Horizonts verschieben, oder durch »eine doppelte Rose«: »id autem aliqui
Hollandi praestant moto exteriori limbo horizontis, vel duplicei Rosa, una
Mobili in qua est Lilium cum aliis 31 radius, aut euspidibus rhomborum;
altera maiori, et gradus Horizontis continente.«
Als Ergebnis unserer Betrachtungen über die Verschiebung der Nadel
am Schiffskompaß ergibt sich das Folgende, Die Nachrichten über eine Ver-
schiebung der Nadel sind in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nur sehr
spärlich, Die ersten bestimmten Nachrichten stammen nach unserer jetzigen
Kenntnis erst aus der Zeit nach 1538 (Rheticus). Doch geht aus den An-
gaben des Rheticus (1538), Medina (1545), Cortes (1551) und Norman (1581)
mit Sicherheit hervor, daß die Verschiebung der Nadel unter der Kompaß-
scheibe nicht etwas Neues, sondern ein bereits lange geübter Usus war, Dies
stimmt auch mit dem überein, was wir sonst über die Kenntnis der magnetischen
Deklination in der Zeit um 1500 wissen.?) Die ersten Nachrichten darüber
sind derartig, daß sie die magnetische Deklination an und für sich stets nur
nebenbei als etwas Bekanntes, aber nicht weiter der Beachtung Wertes er-
wähnen. Auch in seemännischen Schriften wird von der Abweichung immer
erst dann ausführlicher gesprochen, wenn es sich um die Örtliche Verschieden-
heit der Abweichung handelt. Man glaubte lange Zeit, hiermit das so sehn-
lichst gewünschte Mittel zur Längenbestimmung auf See gefunden zu haben.
Einleitend war davon die Rede gewesen, daß der Usus der Verschiebung
der Nadel am Schiffskompaß interessante Rückschlüsse auf die vielumstrittene
Frage nach der Kenntnis der Abweichung vor Kolumbus erster Amerikareise
gestatte. Es kann sich an dieser Stelle nur darum handeln, mit wenigen
Worten auf diese Beziehung aufmerksam zu machen. In dem Tagebuch des
Kolumbus von seiner zweiten Reise (cf. Vida l. c. Cap. 63) finden sich einige
für die Geschichte des Magnetismus bedeutungsvolle Angaben. Kolumbus ist
auf der Fahrt von Guadelupe, das er am 20. April 1496 verlassen hat, nach
Spanien begriffen.
An der betreffenden Stelle der Vida heißt es:
1. »Heute morgen (20. Mai 1496) zeigten die flamändischen Bussolen,
wie sie es gewöhnlich tun, ein Viertelwind nach Westen, und die genue-
sischen, welche mit diesen übereinzustimmen pflegten, wichen nur wenig nach
Westen ab ...«
2, »... und die flamändischen Bussolen wichen ein Viertelwind nach
Westen ab und die genuesischen schlugen nach Norden ...«
3. »... Denn bis zu jener Linie (100 Legoden westlich von den Azoren)
weichen alle (Nadeln) ein Viertelwind nach Westen ab und dort bleiben die
einen, und die anderen, nämlich die genuesischen, schlagen gerade nach dem
Nordstern.«
Kolumbus spricht dreimal deutlich von einem verschiedenen
Abweichen seiner flamändischen und genuesischen Bussolen. Die
1) Pyxis, griechisch zö5:5, unser deutsches Büchse (verwandt mit Buxbaum)}, bedeutet soviel
wie »Bussole« oder Kompaß.
2) Vergl. darüber meine Arbeit »Beiträge zur Geschichte der Kartographie und Nautik des
15. bis 17. Jahrhunderts« in den Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft zu München
1904. H. 2.