142 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1905.
war die Elbe unterhalb Hamburgs eisfrei und es konnte nun die Aufeisung
der Oberelbe beginnen, Durch Sprengungen, Sägen, Brechen des Eises gelang
es, innerhalb von 4 Tagen die Eismassen in Bewegung zu setzen. Die ge-
samte Kostenausgabe für die Aufeisung betrug für den Staat 20 000 M.
Dieser Erfolg und die vorhergehenden rief bei den Reedern, Kaufleuten
und allen übrigen an der Schiffahrt interessierten Leuten den regen Wunsch
wach, alle Jahre die Schiffahrt möglichst lange auf der Elbe zu erhalten und
von den Behörden, wenn möglich, die dauernde Offenhaltung der Unterelbe
zu fordern, ein Wunsch, der erst 1871 erfüllt wurde.
Das Jahr 1856 wird für die Geschichte des Eisbrechwesens stets wichtig
bleiben. In diesem Jahre trat zum ersten Male ein Dampfschiff (12. Januar
»Pollux«) in den Eisbrechdienst. Was mit dem Schiff erreicht wurde, mag
uns der Bericht des späteren Wasserbaudirektors in Hamburg, Dalmann,
selbst sagen:
»Solange wir in schierem Eise arbeiteten, hat der Dampfer ganz un-
verkennbaren Nutzen geschafft und die Arbeit (das Freimachen einer Schiffahrts-
rinne) befördert, namentlich gilt dies auch für das während der Flut vor-
getriebene und während der Nacht zusammengefrorene Eis. Als wir in das
zusammengeschobene, auf Massen von Siggeis ruhende Eis vor Altona kamen,
lief der Dampfer fest und konnte sich nicht allein wieder lösen. Mit Hilfe
unserer Eisewer gelang es, ihn wieder frei zu machen. Bei dem zweiten
Versuche lief der Dampfer tiefer in das Siggeis und stand völlig fest; unserer
gesamten Mannschaft mit Ewern, Brechbäumen und Pulver ist es erst im
Halbdunkel nach mindestens einstündiger Arbeit gelungen, das Schiff wieder
zu lösen.«
Seit diesem wenn auch zweifelhaften Erfolge vermehrte sich alljährlich
die Zahl der den staatlichen Eisbrecharbeiten zu Hilfe kommenden Dampf-
schiffe, Bei den Eisbrucharbeiten spielten sie aber nur eine untergeordnete
Rolle, da sie, als Raddampfer für Fracht- und Passagierbeförderung gebaut,
zu lang und schmal waren, um im Treibeise gut vorwärts zu kommen,
1860 kam man wieder einen Schritt vorwärts. Die in diesem Jahre
erbauten Schrauben-Schleppdampfer betätigten sich beim Eisbrechen in hervor-
ragender Weise mit gutem Erfolge, ein Erfolg, der sowohl der Schraube wie
der kurzen, gedrungenen, breiten Bauart dieser Schiffe zuzuschreiben ist.
Die nächstfolgenden Winter bis 1870 hin zeitigten nichts Bemerkens-
wertes, Im Jahre 1870 jedoch setzte eine Kälte im Dezember ein, die bis
Mitte Februar anhielt und für diese Zeit jeglichen Schiffsverkehr auf der
Unterelbe verhinderte. Alle vorher angewandten Mittel, zu denen sich noch
das Dynamit gesellte, fruchteten nichts; man konnte die Eisblockade nicht
brechen, 30 bis 50 cm stark erstreckte sich die feste Eisdecke bis Glückstadt,
größere Seeschiffe fest eingeschlossen haltend. Die Aufregung unter den
Schiffahrtsinteressenten war nicht gering. Hatte der Krieg auch im Beginn
den Handel gelähmt, so hatte dieser doch nach dem Verschwinden der fran-
zösischen Flotte aus der Nordsee einen neuen großen Aufschwung genommen,
der jetzt von der Eisblockade ernstlich bedroht wurde. Die Kaufmannschaft
tadelte die Untätigkeit der Behörden, die den Kampf gegen das Eis nicht
aufnahm, und richtete eine Eingabe an den Senat, den Eisaufbruch zu fördern,
als es am 23. Februar 1871 dem Dampfer der Hamburg—Amerika- Linie
‚Holsatia« gelungen war, sich von Glückstadt nach Hamburg durch das Eis
einen Weg zu bahnen. Durch diese Tat war der Beweis geliefert worden,
daß mit einigem guten Willen ein starkes Schiff mit kräftigen Maschinen
wohl den Kampf gegen das Eis aufnehmen kann, wenn auch gewiß solche
Gewaltarbeit eines Passagierdampfers nicht gerade gut geheißen werden kann.
Die Eingabe schloß mit den Worten:
»Ein hoher Senat wolle geneigen, die geeigneten Schritte zu tun, damit
in Zukunft bei ähnlichen Vorkommnissen anstatt des Zauderns ein sofortiges
enervgisches Eingreifen stattfinde.«