Wolkenhauer, A.: .Der Schiffskompaß im 16. Jahrhundert ete..
ist um so wertvoller, als die Nachrichten über den Schiffskompaß aus der Zeit
vor 1550 nur äußerst spärlich sind. 2
Daß man auch bereits zur Zeit des Kolumbus die. Nadel unter
der Kompaßscheibe befestigte, und man die Nadel bei gewöhnlicher Be-
trachtung von oben nicht sehen konnte, wird ‘ wahrscheinlich durch eine
Erzählung, welche sich in der: »Vida de Colon«1) befindet. Hier heißt es
(Cap. : IV,): daß Kolumbus 1478 auf der Fahrt nach Tunis seine revol-
tierende. Mannschaft »mutando la punta del bussolo« zur‘ Weiterfahrt ge-
bracht habe. Die Mannschaft wollte umkehren. Da soll Kolumbus die List
gebraucht haben, abends der Rose über der Nadel die entgegengesetzte Rich-
tung zu ‚geben. Hieraus scheint hervorzugehen, daß die Nadel unter der
Scheibe befestigt war und eine Umkehrung der Nadel nicht leicht. zu be-
merken war... Es sei noch eine gelegentliche Bemerkung Pigafettas, des
Steuermanns von Magellan, angeführt, die sich in der Steuermannskunst findet,
die Pigafetta. bald nach der Reise. geschrieben .hat.?) ‘Gelegentlich der
Erklärung der Längenbestimmung mittels der Abweichung (einem Lieblings-
gedanken der Seeleute. des 16. Jahrhunderts) sagt Pigafetta::»tirez. du pole
antarctique de l’aimant un autre fil qui, passant par le centre, vienne jusqu’ä
la fleur de Ilys, qui marque le nord.« Der. Nordpunkt war auf der Scheibe
durch die Lilie kenntlich gemacht. Da die Nadel selbst unter der Scheibe
war, wird von der Fleur de lys gesprochen. ;
Es ist notwendig, auf diese ganz gelegentlichen Bemerkungen Rücksicht
zu nehmen, da leider Originalschiffskompasse aus der Zeit um 1500 bis jetzt,
soviel ich weiß, gar nicht bekannt geworden sind. E. Mayer hat 1878 in
den »Mitteilungen. aus dem Gebiete des Seewesens« (Bd. 7, S. 331 ff.) einige
Nachrichten über alte Schiffskompasse gegeben. Mayers’ Ansichten über
den Schiffskompaß in der ersten Hälfte des 16, Jahrhunderts sind jedoch mit
der Corte&sschen Kompaßbeschreibung absolut nicht in Einklang zu bringen
und entbehren, wie mir scheint, einer sicheren historischen Unterlage, Mayer
schreibt: »Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß dieselben (Steuerkompasse)
unseren jetzigen Schiffskompassen irgendwie ähnlich waren. Eine meistens
nur 2° bis 3 cm lange Nadel spielte auf einer Spitze in einem
Hachen Gehäuse, mit welchem. jedoch stets noch eine Sonnenuhr. verbunden
war. Die Wind- oder Kompaßrose wurde in der Entdeckungszeit nie auf der
Nadel . befestigt, sondern entweder am Boden des Gehäuses oder ringförmig
um die Nadel angeordnet.« Die Beschreibung paßt wohl für die Landkom-
passe, welche in jener Zeit fast immer die Gestalt von kleinen, nur wenige
Zentimeter großen Sonnenuhren hatten und daher vulgär auch »Sonnen-
kompasse« genannt wurden, aber nicht für die Schiffskompasse. Inwieweit
damals auch auf den Schiffen Sonnenkompasse in Gebrauch waren, darüber
fehlen bis jetzt bestimmte Nachrichten. Eine monographische Bearbeitung
des Schiffskompasses im 16. Jahrhundert auf Grund des in den Museen wohl
noch zu findenden, weitzerstreuten Originalmaterials wäre jedenfalls eine
dankenswerte Aufgabe.
Nach. diesen kurzen Erörterungen über die Form des Schiffskompasses
wenden wir uns wieder der Frage der Nadelverschiebung zu. Von dem bis-
her Mitgeteilten kann man sagen, daß es sich nur um sporadische Nachrichten
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N Die ursprünglich spanisch geschriebene Vida de Colon, welche angeblich von dem Sohne
des Kolumbus geschrieben ist, ist nur in einer italienischen Übersetzung von Alfonso UNoa, Venedig
1571 erbalten. Es existiert u, a, ein Nachruck: Vita di Cristoforo Colombo ... Londra 15867.
7) Premier Voyage Autour du Monde. Par Le Chev. Pigafetta. Paris L’An IX. Publie
pour la premiere fois, en italien ... par Charles Amoretti. Et traduit en Francois Par le me6me.
S. 279. — Zum erstenmal veröffentlicht wurde die Schiffahrtskunde in der italienischen Ausgabe:
Primo viaggio intorno al terraqueo ... Antonio Pigafetta. Ora publicato per la prima volta ,..
da Carlo Amoretti. Con un transunto del Trattado di navigazione dello stesso autore. Milano 1880.
— Hiervon existiert eine deutsche Übersetzung durch Jacobs und Kries. Gotha 1801; eine englische
Übersetzung findet sich in Hakluyt Society Nr. 52. London 1874, S. 33—174.
Ann. d. Hrdr. ete.. 1903, Heft T.