Meldau, H.: Die Anfänge der Theorie des Schiffsmagnetismus,
415
die Ablenkung. als die Überlagerung zweier Bestandteile, eines »halbkreisig«
und eines »viertelkreisig« verlaufenden Teiles darstellen lassen, ;
Leider unterließ Barlow diese Umformung seiner Gleichung. Um die
Deviation zu berechnen, findet er aus den an einem Orte gemachten Beob-
achtungen durch Probieren zunächst den Winkel z, um den die Induktions-
kugel unter der Horizontalebene liegt, sowie die im Nenner von tang ö auf-
tretende Konstante. Mit Hilfe von z berechnet er dann für den stattfindenden
Wert von J durch Auflösen der sphärischen Dreiecke die »Breiten« und
»Längen«. der Induktionskugel, in denen sich der Kompaß auf. den ver-
schiedenen Kursen befindet. Erst. hieraus erhält er die Ablenkung.
Da Barlow nicht hoffen konnte, daß diese komplizierte Berechnungs-
weise sich in der Praxis einbürgern werde, und die Berechnung außerdem die
Kenntnis der Inklination voraussetzte, so suchte er nach einem Mittel, die
Ablenkung jederzeit auf experimentellem Wege leicht ermitteln zu können.
Er kam auf den Gedanken, eine Kugel am Kompaßständer in solcher Stellung
zu befestigen, daß sie immer dieselbe Ablenkung hervorbringt wie die
Induktionskugel des Schiffes. Wenn es gelingt, an irgend einem Orte der
Erde in eisenfreier Umgebung die Lage der Kugel so zu bestimmen, daß sie
auf allen Kursen dieselbe Ablenkung hervorbringt wie das Schiff, so wird
dasselbe in allen anderen magnetischen Breiten der Fall sein. Auf der Reise
wird die Kugel fern vom Kompaß aufbewahrt; um zu irgend einer Zeit die
Ablenkung kennen zu lernen, bringt man die Kugel am Kompaß an, dadurch
wird die Ablenkung (genauer der Wert ihrer Tangente) verdoppelt und also
bekannt. Als Barlow bei seinen Versuchen mit Voll- und Hohlkugeln ent-
deckte, »daß die Kraft eines anziehenden eisernen Körpers an seiner Oberfläche
ihren Sitz hat«, glaubte er, die Kugel mit derselben Wirkung Fig. 2.
durch ‚eine kreisförmige Platte ersetzen zu können. Die ;
Barlowsche Platte spielt bis in die fünfziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts bei der Behandlung des Kompasses
an Bord der Schiffe eine wichtige Rolle.)
Zunächst wurde sie in der soeben beschriebenen
Weise benutzt, indem man durch ihre momentane An-
bringung die Ablenkung verdoppelte; noch 1823. sagt
Barlow, daß er die Kompensation mit Hilfe. seiner Platte
zwar versucht, aber unausführbar gefunden habe. Aber
schon im nächsten Jahre wurde die Platte, indem man sie
statt vor dem Kompaß, hinter demselben -in gleicher
relativer Lage zur Rose befestigte, mit gutem Erfolg von Foster an Bord
des »Griper« auf der Reise nach Spitzbergen angewandt. Besonders über-
rascht war man, zu sehen, daß mit den Ablenkungen auch die Störungen der
Richtkraft durch die Platte aufgehoben wurden, so daß man.den Kompaß
noch in Gegenden gebrauchen konnte, wo er vorher gänzlich versagt hatte.”)
Von dieser Zeit an wurde empfohlen, die Platte bei Reisen in niedere
magnetische Breiten zur Bestimmung der Ablenkung, bei Reisen in die Nähe
der magnetischen Pole als Kompensationsmittel zu benutzen.
Und doch ist kein Zweifel, daß die Barlowsche Platte als Kompensations-
mittel der gänzlich in Vergessenheit geratenen Flindersschen Vertikalstange
weit nachstand. Airy®’) hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß die Platte
Yan“
1) In der aus dem Barlowschen Werke entnommenen Fig, 2 fällt auf, daß der Peilkompaß
noch in jener Zeit transportabel auf einem Stativ aufgestellt wurde, Barlow selbst empfichlt
übrigens einen festen Ständer für den Kompaß,
2) Edinb. Phil, Journal 1824, Popular view of Mr. Barlow’s Discoveries,
%) Airy, Account of Experiments . . . Phil. Trans. Roy. Soc. 1839. Poisson beschäftigt
sich schon 1824 eingehend mit der Theorie des Barlowschen Kompensationsmittels, (M6moires de
Institut T. V). Gerade diese Untersuchungen führen ihn am Schlusse seiner Arbeit dazu, die
bekannten allgemeinen Ausdrücke für die Wirkung des induzierten Magnetismus aufzustellen. Er
benutzt sie aber an dieser Stelle nur dazu, die Anzahl der für das Verschwinden der, Deviation
nötigen Bedingungsgleichungen abzuzähleu. Hierüber sind vielfach unklare und irrige Angaben
verbreitet. Eine selbständige Theorie des Schiffsmagnetismus entwickelt Poisson erst 1838 in seinem